2. Winter Academy of Music

1. - 7. Januar 2019

Presse

Schlussakkorde
Neunte internationale Sommerakademie mit zweitem Abschlusskonzert beendet

Die Schlussakkorde des letzten Abends der neunten internationalen Sommerakademie waren welche in G-Dur. Einer Tonart, die für festlich, hell und freundlich steht. Das Klavierkonzert Nr. 4 op. 58 Ludwig van Beethovens steht in G-Dur – es konnte keinen optimistischeren und schöneren Ausklang dieser zehn Tage voller Musik geben. Tage, in denen die rund 30 jungen Instrumentalisten und ihre Dozenten ihr Publikum freigiebig teilhaben ließen an all den Noten zwischen Bach, Rachmaninow, Ravel, Cage und Rzewski.

Nun ist es vorbei. Die zehnte Sommerakademie wird vom 8. bis 18. August 2019 stattfinden. Bis dahin verbleibt eine lange Zeit zu resümieren. Für die Ausgabe 2018 bedankte sich Dr. Theodor Elster im Namen des Trägervereins bei allen, die zum Gelingen beigetragen hatten: Bei den Sponsoren und Spendern, dem Publikum, den Organisatoren, Helfern und Taxifahrern, den Studierenden und Dozenten. Ja, sogar bei der Presse! „Bleiben Sie uns gewogen“, bat Elster, „und herzlichen Dank für Ihre Treue!“ Denn: „Ohne Sie alle könnte es die Akademie nicht geben.“

Das Konzert war eine wohltemperierte Mischung von Noten für die Streicher und Pianisten. Die ersten Töne hatte Friederike Seeßelberg (24/Deutschland) mit dem Violoncellokonzert Nr. 2 D-Dur von Joseph Haydn für sich. Sie spielte, unterstützt vom Kammerorchester „Wratislavia“ Wrocław, den ersten Satz. Schön in Szene gesetzt, korrespondierte Seeßelberg zudem mit dem Konzertmeister Jan Stanienda für eine zügige, flüssige Vorstellung. Ein rechter Auftakt.

Tara McCarthy (25/Irland) und Mei-Han Chen (25/Taiwan) stellten sich mit dem Violakonzert D-Dur von Franz Anton Hoffmeister, einem Pflichtstück für alle Bratscher, vor. Hoffmeister, ein persönlicher Freund Mozarts, schuf gehobene, kunstvolle Unterhaltungsmusik der „galanten“ Epoche des Rokoko und man fragte sich spätestens beim Adagio, warum man ihn nicht öfter hört.

Danach saßen Jennifer Halim (25/Indonesien), Knut Hanßen (25/Deutschland) und Chiara Martina Rubino (16/Deutschland) am Flügel. Halim hielt vor allem die Fuge aus Bachs Präludium und Fuge Cis-Dur BWV 872 durchsichtig. Hanßen stellte eine wunderbare Ondine vors Ohr der Zuhörer. Ravels „Gaspards de la nuit“ fehlen selten, aber dieser Wassernixe, in dieser Interpretation, schenkte man das Herz sofort. Hanßen machte das Wasser hörbar, wie es perlte, sprudelte, schäumte. Dazwischen das arme unglückliche Wesen…. Chiara Rubino ist Wiederholungsgast bei der Sommerakademie und hat an Selbstbewusstsein gewonnen. Ihr dritter Satz aus Mozarts Sonate D-Dur KV 311 war ein brillantes Rondo allegro, das die junge Frau leichtfüßig und lässig – nie aber nachlässig – zu spielen verstand.

Als Beschreiber von Musik hat man es ja nicht so leicht – an diesem Abend jedoch kam man schon in die Versuchung, den Gebrauch der Superlative überzustrapazieren. Alle Solisten boten ein Spiel voller Impulsivität und musikantischer Lust, immer mit dem Gefühl für den Schwung ihrer jeweiligen Partitur. Nie machte sich das unbehagliche Gefühl von Glätte und Unverbindlichkeit beim Zuhörer breit. So interpretierte Colton Peltier (23/USA) beispielsweise den ersten Satz Allegro agitato aus der Sonate Nr. 2 b-moll von Sergej Rachmaninow: Uneitel und doch hochvirtuos, handwerklich geerdet, aber nie akademisch, sondern lebhaft, farbig, plastisch.

Ein wahrer Glanzpunkt war der Auftritt von Hanna Vogel (21/Deutschland). Ihr Programm: Aus den drei Phantasiestücke op. 73 von Robert Schumann die Nr. 1 + 3. Vogel strich das Violoncello, Henning Vauth begleitete. Was für ein Ton! Bei aller Beherrschung der Facetten – Klang, Technik, Ausdruck – des konzertanten Solospiels, bündelte sie die Kräfte dieser Musik so, dass der Funke übersprang. Mit Vauth verstand sie sich offenbar auf derselben Wellenlänge.

Am Ende, wie bereits gesagt, Beethovens viertes Klavierkonzert. Für die Soloparts zeichneten Quanlin Wang (18/China), Anastasiya Magamedova (20/Tadshikistan) und Miyako Arishima (26/Japan) verantwortlich. Wang schwelgte in den Noten und rekrutierte die musikalische Wucht nicht aus Phonstärke, sondern aus Musikalität und Intensität des Spiels. Magamedova fiel der undankbare, weil sehr kurze zweite Satz zu. Aber wie die Solistin diese Zwiesprache zwischen Orchester und Klavier – düstere Streicher, insistierende Helle in den Tasten – darbot, das ließ das Stück, das viele nur als Intermezzo sehen, zum Kunstwerk erstehen. Sogar das Kammerorchester warf sich dieser Solistin zu Füßen und war zart wie nie! Arishima übergangslos mit dem fröhlichen Rondo, der angemessene Abschluss des Konzertabends.

Schluss. Aus. Fine. Die neunte Sommerakademie ist Geschichte. Es waren wieder aufregende, Kenntnis erweiternde Auftritte dabei. Dafür sei allen Instrumentalisten herzlich gedankt.

Barbara Kaiser – 16. Juli 2018

Chiara Martina Rubino spielt Mozart
Hinrich Alpers dankt den Dozenten
Quanlin Wang, Miyako Arishima und Anastasiya Magamedova – drei Solistinnen im 4. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven
Hanna Vogel spielt Schumann, begleitet von Henning Vauth
Große Schlußrunde mit Urkunden für alle Teilnehmer

 

Auf der Zielgeraden
Teilnehmer der Sommerakademie spielten erstes Abschlusskonzert im Kloster Medingen

„Ich freue mich sehr, dass auch die neunte Internationale Sommerakademie ein Erfolg war“, zeigte sich deren künstlerische Leiter Hinrich Alpers überzeugt und begrüßte seine Gäste in der Klosterkirche Medingen zum ersten Abschlusskonzert sehr aufgeräumt. Man solle doch die „Früchte der vergangenen Tage genießen“, forderte er das zahlreich erschienene Publikum auf. Was heißt: Den Ergebnissen harter Arbeit lauschen, die im Konzert nach den Mühen davor nicht klingen sollten. Alpers und seine Dozentenkollegen können sich ab jetzt zurücklehnen, denn nun zeigen die Teilnehmer ihr Können. Die Lehrer dürften das mit einem Quäntchen Stolz und Genugtuung registrieren.

Die künstlerische Qualität des Gebotenen war insgesamt überzeugend. Alles andere hätte langjährige Beobachter dieser Meisterklassen auch ein wenig enttäuscht. Es gab eine Menge Anlass für Freude und Erstaunen und Hochachtung vor dem Fleiß, der Ausdauer und der Kraft der Interpretationen.

Den Auftakt spielten Sumin Kim (25/Südkorea) und das Kammerorchester „Wratislavia“ aus Wrocław. Die zwei schnellen Sätze – Allegro und Presto – aus Georg Philipp Telemanns Violakonzert G-Dur lagen auf dem Notenpult. Alles schön phrasiert, nichts verschludert, frisch und fröhlich, das Orchester – wie gewohnt – ein wenig robust. Der Bratschist Nils Mönkemeyer hatte über dieses Konzert im Interview einmal gesagt: „Es hat so eine Fröhlichkeit und es ist sehr ansteckend.“ Mit Sumin Kim bewahrheitete sich das.

Danach Mozart, das Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219. Der Komponist stellte es kurz vor seinem 20. Geburtstag fertig. Anna Haas und Raul Lustgarten (18/Deutschland – 24/Belgien) fanden für das Allegro aperto und Adagio den richtigen Strich. Lustgarten gelang es mit dem Adagio gar, das forsche Orchester zu zügeln, seine Lautstärkendifferenzierungen verdienten Respekt.Danach saßen Minh Chau Tran (13/Vietnam) und Narmin Najafli (21/Aserbaidschan) am Flügel. Den Geist von Beethovens Klaviersonate Nr. 7 D-Dur op. 10,3 und deren ersten Satz Presto schien Minh Chau Tran noch nicht so verinnerlicht zu haben wie sie den Liszts (Abendvorspiel) hatte. Aber in diesem Alter hat sie dafür noch Zeit. Narmin Najafli stellte Györgi Ligetis „Arc-en Ciel“ (Regenbogen) vor Auge und Ohr der Zuhörer, ganz sanft löste der sich in diesem Spiel am Ende wieder auf.

Malin Hacke (18/Deutschland) spielte Max Bruchs „Kol Nidrei“ (Gebet) für Violoncello und Klavier anrührend, versunken und innig. Am Flügel als Begleiter ein sehr verlässlicher Henning Vauth. Danach Lennart Pommerien (19/Deutschland) mit Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70, einem As-Dur, das zwischen melancholisch-langsam und schnellem, schwerem Bravourstück wechselt. Pommerien hatte damit keine Schwierigkeiten.

Es erwies sich an diesem Konzertabend ein weiteres Mal, dass auch in Zeiten von Reproduktion und Digitalisierung von Musik das Liveerlebnis konkurrenzlos bleibt. Das fängt mit dem Auftrittsapplaus an. Konzertmeister Jan Stanienda führte die jungen Solisten nach vorn, ließ sein Orchester sich erheben. So ernst genommen ist es für die Streicher schöne, respektvolle Geste. Sie belohnten ihr Publikum mit einer Klangatmosphäre voller Wachheit und Esprit. Nur die Pianisten müssen einsam zu ihrem Instrument schreiten!

Nach der Pause drei Klavierwerke: Das Choralvorspiel „Nun komm, der Heiden Heiland“ von Johann Sebastian Bach. Am Flügel Jun-Ho Yeo (20/Deutschland). Von Frédéric Chopin erklangen die Ballade Nr. 2 F-Dur op. 38 und die Etüde op. 25,11. Chong Wang (18/China) erzählte in der Ballade, deren literarische Vorlage von Adam Michiewicz, dem Goethe Polens, stammt, die Geschichte der Mädchen, die sich angesichts drohenden Kriegssturms in Wasserlilien verwandeln und ausharren. Im Spiel der Chinesin schwankten sie leise im Wind, während die Horden über sie hinwegtobten… Die 15-Jährige Thien Bach Anh Phan aus Vietnam kam mit der Allegro-con-brio-Etüde, die den Beinamen „Winterwind“ erhielt, ebenfalls gut zurecht.

Den gefühlt längsten Beifall erhielt Katja Deutsch (17/Deutschland) nach dem 1. Satz des Violoncellokonzerts Nr. 1 C-Dur von Joseph Haydn. Das Werk galt als verschollen, bis es 1961 in der Prager Burg auftauchte und ist eins von neun Cellokonzerten des Komponisten. Katja Deutsch besitzt einen zauberhaften Sound, robust und doch zärtlich, rau und trotzdem biegsam. So setzte sie zwei Stunden Konzert eine Krone auf.

Insgesamt war dieser erste Abschluss ein wenig Elegie-lastig. Eine stupide Seelenlage war das aber dennoch nicht. Vielleicht sind sie alle traurig, dass die zehn Tage schon wieder fast vorbei sind. Aber ein Konzert steht ja noch ins Haus. Und dann: Vielleicht bis 2019 zur zehnten Sommerakademie?

Barbara Kaiser – 14. Juli 2018

Narmin Najafli

Katja Deutsch wird begrüßt von Jan Stanienda, Konzertmeister und künstlerischer Leiter des Kammerorchesters “Wratislavia”
Chong Wang
Lennart Pommerien

 

Voller Energie
Kammermusik-Gala in der Sommerakademie

Nach dem glanzvollen Abend mit Neuer Musik stand nun wieder klassische Kammermusik im Programm der Internationalen Sommerakademie. Mit einem Wort: Es ging in den gewohnten Bahnen zu mit Mendelssohn, Schumann und Fauré. Dass sich das Wort langweilig verbietet, dafür sorgte die präzise Interpretation durch die Dozenten und Studenten.

Als Auftakt das Klavierquartett f-moll op. 2 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Am Klavier saß – sehr souverän nach dem überzeugenden Auftritt am Vorabend – Anastasiya Magamedova, die geborene Tadshikin, die in den USA lebt. Die Viola führte Mei-Han Chen aus Taiwan. Das Ensemble vervollständigten die Dozenten Troels Svane (Violoncello) und Wojciech Garbowski (Violine).

Mendelssohn hat die Klavierquartette aus den Jahren 1822, 1823 und 1825, die Opera 1,2 und 3, zum Ausgangspunkt seiner Schaffenschronologie bestimmt. Alle drei Werke sind viersätzig und von einem Allegro gerahmt. In der gespielten Nr. 2 ist das Adagio des langsamen Satzes ein elegantes Ausformen des Materials in der Kontrasttonart, der dritte Satz macht den Unterschied: er ist eine Gigue im Sechsachteltakt.

Das Ensemble bot ein schönes Zusammengehen voller Energie. Entschieden geführt von der Violine oder durch Vorgaben am Klavier, wurde aus dem zaghaften Anfang ein munteres Agieren. Das Adagio wird vom Klavier vorgestellt. Vielleicht blieb es eine Spur zu elegisch, nie aber sentimental. Der Schlusssatz nahm ein nahezu übermütiges Ende; einer fröhlichen Schlittenfahrt nicht unähnlich.

Das Klaviertrio Nr. 3 g-moll op. 110 von Robert Schumann war eine reine Dozentenangelegenheit: Sabine Frick strich das Violoncello, Hinrich Alpers saß am Flügel, Wojciech Garbowski blieb der Mann an der Geige. Es muss ja so sein, dass es einen Unterschied gibt zwischen Studenten und Dozenten. An Musikerlebenserfahrung, an technischer Finesse, an Interpretationsvorsprung, an Glanz allgemein. Und obwohl das Trio mit Andrej Bielow an der Geige wohl die entscheidende Millisekunde mehr auf dem Punkt gewesen wäre – was aber wohl nur kennt, der den Vergleich hat –, war dieser Schumann ein Dozentenzwischenruf, Musik, die heraus wollte aus romantischer Käfighaltung. Nebenbei: Die Drei bildeten ein optisch zauberhaftes Bild vor der illuminierten alten rohen Steinwand des Langhauses.

Nach der Pause Gabriel Fauré: Klavierquintett Nr. 2 c-moll op. 115. Wojchiech Garbowski war wieder der erste Geiger. Der stille Troels Svane saß verlässlich am Cello. Die Studenten kamen aus Deutschland – Anna Haas (2. Geige), Knut Hanßen (Klavier) und Irland (Tara McCarthy, Bratsche). Aufhorchen ließ der 25-jährige Hanßen durch einen sehr kultivierten Anschlag, die erst 18-jährige Anna Haas behauptete sich gegenüber der manchmal ein wenig prominent geführten 1. Geige hervorragend. Die Bratsche im Andante des dritten Satzes war eine sehr zärtliche Vorstellung.

Insgesamt blieb das Ensemble in dem halbstündigen Werk um Spannung bemüht. Mit spürbarem Selbstbewusstsein dargeboten, entfalteten die Musiker die Geschmeidigkeit der Partitur sinnlich. Im vierten Satz ein schönes entschiedenes Crescendo – lautstarker Schlussapplaus. Für den es auch an diesem Abend viele gute Gründe gab.

Barbara Kaiser – 12. Juli 2018

Knut Hanßen (Klavier) und Anna Haas (Violine)
Schlußapplaus für Fauré: Wojciech Garbowski, Knut Hanßen, Anna Haas, Tara McCarthy und Troels Svane
Dozenten-Intermezzo: Wojciech Garbowski, Hinrich Alpers und Sabine Frick mit Schumanns Klaviertrio in g-moll
Tara McCarthy im Klavierquintett Nr. 2 von Fauré

 

Neue Musik? Ja, bitte!
Sommerakademie widmete sich Noten aus 20. und 21. Jahrhundert

Jeder liebt eine gewisse Harmonie. Im Zwischenmenschlichen sowieso. In der Kunst auch? Wahrscheinlich ist es ziemlich verbreitet, dass Bilder etwas darstellen sollten und Musik Wiedererkennungswert haben darf. So wie nach der Uraufführung von Webers „Freischütz“ im Schauspielhaus Berlin, als die ganze Stadt die Lieder auf der Straße sang. Aber ist das schon alles? Wo bleiben das Experimentelle, das Wagnis, die neuen Wege?

Die Neue Musik des 20. und 21. Jahrhunderts besitzt eine stilistische Vielfalt, wie sie wohl kaum eine Epoche davor besaß. Dürfen doch die Komponisten zurückgreifen auf alles, was zwischen Renaissance und Romantik erklang. Man kann es auch mangelnde eigene Kreativität nennen, aber so negativ will ja keiner urteilen. Die Internationale Sommerakademie hat die angekündigte Komponistenwerkstatt, die leider ausfallen musste, ersetzt durch einen Abend mit Partituren aus der Zeit, in der wir leben. Es entfalteten sich interessante zwei Stunden Musik, die vor allem für die Pianistin Ursula Oppens im Triumph endeten!

Professor Jerome Lowenthal war zunächst für den Auftakt zuständig: Damit das Publikum, das an diesem Abend übersichtlich blieb (vielleicht war auch König Fußball der stärkere Magnet), nicht zu sehr erschrak, spielte er die Konzertetüde „Waldesrauschen“ von Franz Liszt – ohne Pause, nahezu nahtlos, schloss er Bélá Bartóks Etüde op. 18,2 an. Hinrich Alpers erklärte es in seiner Moderation später so, dass hier aus dem 19. Jahrhundert, aus der Romantik, die Moderne unmerklich herauswuchs.

Danach John Cage: Six Melodies for Violin and Piano (1950). Cage bleibt Geschmackssache. Das Duo Wojciech Garbowski und Ursula Oppens intonierte akkurat das, was der Tonvorrat – Cage erfand für sich die Beschränkung im Umfang – hergab. Ein bisschen klang es wie Katzenjammer und „Kommt ein Vogel geflogen“. Dann wieder wie ein magerer Csárdás. Die beiden Solisten umstellen die Pausen mit den Tönen, wobei wohl die größte Schwierigkeit ist, im „Takt“ zu bleiben. Diese Noten sind was zum Lachen, wenn man gute Laune hat. Hat man selber den Blues, heult man wohl dazu, weil man die Leerstellen fühlt. Diese Erkenntnis war interessant – denn schon hat auch John Cage einen Anstoß gegeben.

Aus Tadshikistan kamen Komponist und Interpretin der folgenden zwei Stücke: Anastasiya Magamedova (20) spielte „Playing Backgammon“ und Etude-Tableau über ein Thema von Ziyodulla Shakhidi aus dem Jahr 2008 von Tolib-khon Shakhidi (der Sohn des Themengebers). Hier wurde es das erste Mal rasant und atemberaubend: Prestoläufe, von schrillen Akkorden immer wieder befeuert, wildes Abschluss-Glissando. Die Pianistin lieferte es fingerflink und ungeheuer energisch ab. Der Vergleich zu einer Bachschen Toccata ist hier nicht zu weit hergeholt.

Friederike Seeßelberg (24) aus Leipzig war der vorhergehenden Kammermusik-Gala noch gut im Gedächtnis. Für die Neue Musik brachte sie Györgi Ligeti und dessen Sonate für Violoncello, ein virtuoses Stück Streicherliteratur, brillant zur Aufführung. Auch Miyaki Arishima (26) aus Japan kannte das Publikum vom Vorabend. Mit der Präludien-Suite des Polen Kazimierz Serocki aus dem Jahr 1952 bescherte sie sich und den Zuhörern ein wunderbares Musikerlebnis. Zwischen kurzem Staccato-Getrappel, elegischem Legato, wirkungsvollem „Agitato“,  tastendem „Teneramente“ (zärtlich), einem flink rennenden, fahrenden, stürzenden „Veloce“, dem verspielten „Capriccioso“ und einem „Furioso“, für das der Name Programm war.

Nach der Pause das große Opus des Abends: 50 Minuten saß Ursula Oppens dafür am Flügel. Als sie schloss, jubelte der Saal und verbeugte sich vor dieser Künstlerin. Vor dieser physischen Leistung und der Interpretationswucht. Und vor einem Stück des US-amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski aus dem Jahr 1976, das er Ursula Oppens widmete, die es vor 40 Jahren auch uraufführte. „The People United will Never Be Defeated! – 36 Variationen über ein chilenisches Protestlied für Klavier“

Variationszyklen sind letztlich dann besonders interessant, wenn der Komponist und der Interpret es schaffen, Spannung aufzubauen und die einzelnen Variationen aufzuladen. Mit Farbe und Sinn. Das gelingt hier auf allen Ebenen bewundernswert. Dazu muss man wissen, dass das Werk aus Anlass des Militärputsches in Chile am 11. September 1973 entstand. Pinochet und seine Generäle schossen sich den Weg in die Moneda, den Regierungssitz des gewählten sozialistischen Präsidenten Allende, frei, ermordeten Tausende. Weil eine Regierung es gewagt hatte, die Kupferminen zum Wohle des Volkes zu enteignen. Zum Beispiel bekam damals jedes chilenische Kind einen halben Liter Milch am Tag!

„El pueblo unido jamás será vencido“ – „Das vereinte Volk kann nicht besiegt werden“. Das Lied, das nach dem Putsch von Sergio Ortega geschrieben wurde, übersetzte sich in alle Sprachen, gesungen wurde es rund um die Welt. Die Behauptung ist leider Traum geblieben, Anspruch oder Ansporn vielleicht bis heute? Der US-amerikanische Komponist Rzewski hat diesen humanistischen Anspruch spannend in Szene gesetzt und mit den verschiedensten Ausdrucksebenen versehen. Die magische Melodie, das Marschlied in Moll, taucht in der Partitur immer wieder auf, geht erneut unter, wird vermischt mit Hanns Eislers „Solidaritätslied“ und dem italienischen Partisanenlied „Bandiera rossa“. Deren Texte passten dazu: „Auf, ihr Völker dieser Erde,/ einigt euch in diesem Sinn,/ daß sie jetzt die eure werde/ und die große Nährerin.“ heißt es bei Eisler.

Dass die 36 Variationen, von denen fünf immer in einer sechsten zusammengefasst werden, als technisch sehr schwere Klavierliteratur gelten, bestritt der Komponist in einem Interview. Aber da kokettierte er wohl. Ursula Oppens stürzte sich mit Feuereifer und großem Engagement in den Vortrag, der ihr alles abverlangte, ohne dass man jemals den Eindruck erhielt, dass technisch Grenzen erreicht würden. Über das Virtuose hinaus jedoch berührte sie in der Stimmigkeit der Interpretation auch die politische Aussage des Werks. Die weiterhin eine große Vision bleibt, aber musikalisch hier schlichtweg mitreißend und bewegend zugleich ist. Oppens legte in ihr Spiel die ganze Empörung und die Wut, den Schmerz über das Scheitern; aber auch die leise Hoffnung, das Lächeln über das Gewesene, die Zuversicht. Denn die Frage bleibt ja, wie das Eisler-Lied ausklingt: „Wessen Welt ist die Welt?“

Barbara Kaiser – 11. Juli 2018

 

Anastasiya Magamedova
Friederike Seeßelberg mit Ligetis Sonate für Cello soloJohn Cages “Six melodies” mit Wojciech Garbowski
Virtuos: Miyako Arishima in Kazimierz Serickis “Präludien-Suite”
Der Höhepunkt des Abends: Ursula Oppens mit Frederic Rzewskis monumentalen Variationen “The People United will never be defeated” – für sie selbst komponiert.
Goodbye: Jerome Lowenthal und Ursula Oppens reisen weiter nach Italien. 

Mit Gefühlsfeuer
Sommerakademieprogramm: Kammermusik-Gala Nr. 1

Mit weit schwingender Poesie, die zahllosen Ornamente auskostend, erfrischend direkt und von zauberhafter Leichtigkeit. So warfen sich die Akteure der ersten Kammermusik-Gala der Internationalen Sommerakademie mit Gefühlsfeuer in die Tasten und Saiten. Auf dem Programm standen die Klavierquartette von Wolfgang Amadeus Mozart (g-moll KV 478) und Johannes Brahms (A-Dur op. 26) und Claude Debussys Klaviertrio G-Dur. Wie immer musizierten Dozenten mit Studenten.

„Kurz, leicht, popular“ bestellte Verleger Hoffmeister bei Mozart das Quartett. „Damit es die großbürgerlichen und adeligen Dilettanten eifrig kaufen und in ihren Salons zum Besten geben.“  Dass „kurz und leicht“ mit Mozart nicht geht, hätte der Mann wissen können. Angesichts des Ergebnisses zog er seinen Auftrag zurück, schenkte dem Komponisten aber generös den Vorschuss. Dennoch verbreitetete sich das Werk schnell und steht heute auf der Hitliste von Mozarts Kammermusik. Als wolle es der Meinung von Hoffmeister Hohn sprechen, dass die Tonart g-moll sowieso nicht unterhaltungstauglich sei.

So kommt denn auch das Kopfthema recht düster aber markant am Klavier, das vorherrscht, daher. Die Streicher reagieren vorerst nur. Im Langhaus in Oldenstadt saß Professor Jerome Lowenthal am Flügel. Als zweite Dozentin am Violoncello Sabine Frick. Die Studenten Sumin Kim (Südkorea) und Raul Lustgarten (Belgien) agierten an Viola und Violine. Alle zusammen nahmen sie die g-moll-Tragik nicht allzu schwer. Und beim friedlich-fröhlichen Andante in Satz zwei war sowieso alles gut. In sauber musizierten Sechzehnteln schmiegten sich die Streicher aneinander. Das abschließende Rondo erklang in tapferer Vitalität. Vielleicht fehlte insgesamt ein Quäntchen Esprit – aber das ist Ansichtssache.

Zweiter Programmpunkt das Debussy-Trio. Das hat eine kuriose Geschichte. Der Komponist war 18 Jahre alt, als ihn eine reiche Russin mitnahm als Hauslehrer und Vierhand-Partner. Die Dame nannte ihn „mein kleiner Franzose“ und war angetan. Dass er ein Klaviertrio schrieb, wissen wir auch aus deren Briefen. Die schrieb sie nämlich reichlich, die Nadeshda von Meck! Und Pjotr Iljitsch Tschaikowski verehrte sie heiß und innig, der schrieb ihr Glühendes zurück. Gesehen haben sie sich nie. Das Klaviertrio des „kleinen Franzosen“ fand sich allerdings erst 1982 (!) im Nachlass eines Debussy-Schülers, im Jahr 1986 wurde es gedruckt.

Für die Aufführung der Sommerakademie begleiteten Hinrich Alpers (Klavier) und Andrej Bielow (Violine) die Studentin Hanna Vogel am Violoncello. Vogel stammt aus dem Landkreis Uelzen und studiert in Wien. Sie wartete mit einem voluminösen Ton, technischer Exzellenz und einer kraftvollen Ausstrahlung auf. Schönes, aufblühendes Crescendo und Pizzicato-Dialog mit dem Klavier im Andante-Auftakt. Das folgende Scherzo klang nach Clowns-Melodie. Der dritte Satz – das Andante esspressivo – seelenvoll schwingende, zärtliche Streicherbögen (Andrej Bielows Spiel steht über jeder Kritik!), umrankt von einem wie stets verständnisvollen Mann am Flügel. Der vierte Satz – Appassionato – ein großes, vereintes Singen.

Hanna Vogel bot Glanzstellen der Differenzierung und führte sich und die Zuhörer feinfühlig durch die motivischen Ideen und Kontraste der Musik. Das war ihr, diese Ergänzung gehört hierher, bei diesen zwei Mitspielern vielleicht nicht ganz so schwere Bürde.

Nach der Pause das Mammutstück des Abends: 50 Minuten Brahms-Quartett. Dafür hatten sich die Dozenten Andrej Bielow und Jennifer Anschel (Viola) mit Miyako Arishima (Klavier/Japan) und Friederike Seeßelberg (Violoncello/Deutschland) präpariert. Der Komponist ging hier sehr verschwenderisch mit dem motivischen Material um. Sein Freund Eduard Hanslick bezeichnete das Ergebnis zwar als „trocken und langweilig“, dass es das – trotz seiner Überlänge – nicht ist, bewiesen die vier Instrumentalisten aufs Schönste.

Musikalisch höchst opulent schritt ihre Interpretation die Möglichkeiten der Instrumente und deren Potenzial vehement aus. Aufgekratzt unromantisch, ernsthaft, klar und elegant wurden dabei die Noten umgesetzt. Alle behielten in den Klangballungen von Satz drei und vier (Scherzo/Finale: Allegro), die laut und fröhlich daherkommen die absolute Übersicht. Wie eine Erlösung nach Satz zwei, dem Adagio, was für Streicher immer eine gefährliche Angelegenheit nahe der Sentimentalität ist. Dieses Adagio legte Brahms wohl Clara Schumann zu Füßen, so viel unerfüllte Liebe…

Miyako Arishima am Flügel blieb auch im Forte unaufdringlich. Friederike Seeßelberg war der großen Partitur ebenfalls gewachsen. Das Ensemble näherte sich im Allegro-Finale dem Presto auf erlaubte Weise; die Spielfreude war allen anzusehen. Auch wenn es am Ende ein bisschen wie bei Beethovens Sinfonien zugeht: Man glaubt, jetzt ist Schluss, aber der Meister zieht noch eine Schleife. Nach zwei Stunden Musik gab es tosenden Beifall für alle.

Barbara Kaiser – 10. Juli 2018

Mozart mit Jerome Lowenthal und Sumin Kim:  Raul Lustgarten führt im Mozart
Hanna Vogel im Klaviertrio von Claude Debussy
Schluß-Applaus für Andrej Bielow, Miyako Arishima, Jennifer Anschel und Friederike Seeßelberg nach Brahms’ Klavierquartett A-Dur

 

„You have a very good sound!“
Beobachter beim Unterricht der Internationalen Sommerakademie

Es war wirklich absoluter Zufall, dass ich Minh aus Hanoi/Vietnam wieder traf im Unterricht der Sommerakademie. Eigentlich war ich ins Schloss gefahren, um bei Professor Ursula Oppens eine Stunde Vermittlung von zeitgenössischer Musik zu erleben. Aber Minh spielt Liszt. Und die ihr nachfolgende Jennifer hat Scarlatti in der Notenmappe.

Es gibt wohl doch Hürden, das Gegenwartsschaffen populärer zu machen. Auch weil das Publikum lieber Gefälliges hört? Deshalb bin ich sehr gespannt auf das Sommerakademie-Konzert am Dienstagabend, das sich auf dieses Gebiet begeben wird. (Dienstag, 10. Juli 2018, 19 Uhr, Langhaus Oldenstadt) „Keine Angst vor moderner Musik! Eine Hommage ans 20. und 21. Jahrhundert“ lautet der Titel des Abends.

Nun höre ich aber Minh Chau Tran zu. Ihr Vater hat den Videorecorder aufgebaut, alles wird dokumentiert. Das Mädchen ist erst 13. Der Vater sagte vor einem Jahr, sie sei sehr schüchtern und fügte lachend hinzu, sie sei wohl auch ein bisschen klein. Das Mädchen schwieg dazu.

In diesem einen Jahr hat sie sich kaum verändert. Als Ursula Oppens sie nach ihrem Alter fragt, muss man schon die Ohren spitzen für eine Antwort. Als Minh zehn war, stand sie schon einmal auf der Teilnehmerliste der Sommerakademie und vor ihrem Beitrag beim Abschlusskonzert (1. Satz Allegro des Mozart-Klavierkonzerts Nr. 12 A-Dur KV 414) damals konnte man nur den Hut ziehen. Man fragte sich, wie die kleinen Hände diese Läufe meisterten, aber Minh spielte unbekümmert und effektvoll.

Jetzt ist die Vietnamesin 13 und auch Ursula Oppens fehlen zunächst einmal die Worte nach dem Vorspiel von „Venezia e Napoli“ von Franz Liszt. Dieser drei Charakterstücke, die Liszt 1861 in Ergänzung seiner „Années de pèlerinage“ (Pilgerreise) verfasste. „Gondoliera“,  „Canzone“ und „Tarantella“ weisen allesamt Vorzeichen in Mengen auf. Sechzehntel und Zweiunddreißigstel-Läufe, Akkorde in chromatischen Reihen, dazu Spielanweisungen wie ein vierfaches Piano oder Prestissimo – es schwindelt einem vor diesem Notenbild.

Aber wie bereits Hinrich Alpers das Mädchen, das er in Vietnam unterrichtete, als er dort auf Konzertreise war, vor Jahresfrist sehr lobte, so tut es Ursula Oppens auch: „It’s brillant, really great!“, sagt sie lächelnd. „You have a very good sound“, bescheinigt sie Minh eine Spielweise, die auch im leeren Schlosssaal nicht nach Donnerhall klingt, sondern differenziert an der Nuance arbeitet.

Es macht Freude, der erfahrenen Pianistin und dem heranwachsenden Mädchen zuzusehen und zuzuhören. Minh fasst offenbar Vertrauen, denn sie lächelt auch oft, obwohl sie hochkonzentriert bleibt. Sie setzt die Anweisungen – eigentlich sind es mehr Vorschläge – von Oppens um. „Ist das nicht ein bisschen langsam?“, fragt Ursula Oppens. „Es ist ein Volkslied, es ist keine Opernarie.“ Gegen deren Sentimentalität gilt es hier vorzugehen in diesem Gondellied, das schnell in die Süße abgleiten kann.

Die Fingerarbeit der kleinen Pianistin bleibt an jeder Stelle bewundernswert. Überhaupt fragt man sich im Stillen, woher diese immer noch kleinen Hände die Kraft für die Wucht nehmen, die kein sinnloser Donner ist – wie viel zu oft bei Liszt-Interpretationen.

„Ein bisschen mehr Rubato“, fordert Ursula Oppens jetzt. Die vielleicht schwierigste Anforderung an einen Spieler, weil dabei die Melodiestimme – rechte Hand – der Begleitung in der linken vorauseilt oder zurückbleibt. Für Menschen, die gerne im simplen Takt bleiben, nahezu unausführbar! Minh kann das.

Hinrich Alpers sagte vor einem Jahr im Gespräch auch, was der Zuhörer erahnte, dass Minh Chau Tran ein großes Talent sei und er in dem Alter niemals so gespielt habe. Nun hoffe ich, dass die Pianistin aus dem fernen Vietnam in einem Abschlusskonzert zu hören sein wird. Vor einem Jahr war sie schon wieder zu einem Wettbewerb nach Spanien weitergereist.

Und noch ein P.S. sei an dieser Stelle erlaubt: Vor eineinhalb Generationen wäre die Konstellation undenkbar gewesen. Eine freundliche US-amerikanische Pianistin spielt mit einem kleinen vietnamesischen Mädchen am Flügel. Sie reden über die Intentionen Franz Liszts und – lächeln sich an…

Barbara Kaiser – 09. Juli 2018

Ursula Oppens mit Minh Chau Tran

Jennifer hört aufmerksam zu.

 

Schon die Neunte!
Sommerakademie mit Konzert der Dozenten furios eröffnet

Sein Erstaunen darüber, dass nun schon die neunte Ausgabe der Internationalen Sommerakademie beginnt und im nächsten Jahr ein kleines Jubiläum zu feiern sein wird, konnte auch Hinrich Alpers in seinen Begrüßungsworten nicht verbergen. Es ist aber auch unglaublich, wie die Zeit vergeht! Zeit, in der die zehn Tage voller Musik ein Panorama der Wandlung bei gleichzeitiger Kontinuität durchmachten. „Zehn tolle Tage voller Musik! Ich freu mich drauf!“, bekannte der künstlerische Leiter Alpers nach dem obligatorischen Dank an alle unerlässlichen und zum Glück auch unermüdlichen Sponsoren und deren Vertreter, die im Konzert saßen.

Dann startete ein Abend, angesichts dessen furioser Steigerung man jetzt schon atemlos sitzen möchte, was noch kommen mag. Ursula Oppens ist in der Dozentengruppe in diesem Jahr neu. Die 74-jährige US-amerikanische Pianistin legte sich das Impromptu c-moll Nr. 1 (D 899) von Franz Schubert aufs Pult. Folgen würde mit Henning Vauth das in B-Dur Nr. 3 (D 935).

Als Adjektiv bedeutet „impromptu“ etwa aus dem Stehgreif, ist etwas Spontanes. In der Musik eine kleine Komposition, meist für das Klavier. Das in c-moll ist eine einzige Fantasie mit einer immer wiederkehrenden Melodie, die zunächst als Marsch daherkommt, vom Staccato ins Legato wechselt, von Moll, das keineswegs schicksalsschwer klingt, nach Dur transponiert. Es ist ein ein-thematisches Stück ohne Kontrastelemente und trotzdem ein Meisterwerk des Komponisten.

Ursula Oppens, die kleine, sympathische Frau, saß tief gebeugt über der Tastatur und vergaß an keiner Stelle, dass der ziemlich brachiale Marsch dennoch der Schubertschen Fantasie immanent bleibt. Sie spielte die Noten in der Nuance eindringlich, ganz unantiquiert und mit angemessener Leidenschaft.

Henning Vauth nahm seinen Vortrag locker und fröhlich, ein wenig neckisch gar. Wobei die  Schwermut, die an keiner Stelle vom Solisten dramatisiert wurde, trotzdem folgerichtig erschien. Diese fünf Variationen eines schon bekannten Motivs – Schubert nutze es bereits in der Schauspielmusik zu „Rosamunde“ – waren der schöne Auftakt des ersten Konzertabends der Sommerakademie 2018.

Musik sei die Stenografie des Gefühls, sagte Lew Tolstoi. Was nun folgte, war ein sehr ausführliches Stenogramm. Oder sehr viel Gefühl. Barbara Buntrock  und Hinrich Alpers leiteten den Abend damit über in einen der neueren Musik. Paul Hindemiths Sonate für Viola und Klavier op. 11,4 erklang. Dass die zwei Musiker kongeniale Partner sind und auf den Punkt genau miteinander zu musizieren wissen, müsste hier nicht wiederholt werden. Wie das Duo ihr Publikum in die Atemlosigkeit trieb mit dem einen Satz, der sich in Fantasie, Thema mit vier Variationen eines Volksliedthemas und dem Finale mit noch einmal sieben Variationen gliedert, das sprach Bände und für die künstlerische Versiertheit dieser beiden Künstler. Denn schließlich handelte es sich hier um Musik, die ohne den Magnetismus der Massentauglichkeit auskommen muss.

Dieses außerordentlich glanzvolle Spiel bekam den ersten Jubel des Abends. – Zur Beschwichtigung der Gemüter interpretierte Alpers danach allein Maurice Ravels Sonatine. Ein kleines, elegantes Stück, nie geschwätzig, intensiv ausgeformt. Perlende, beruhigende Klangcluster, die wogten und webten und letztlich entschwebten.

Danach das Trio élégiaque Nr. 1 g-moll von Sergej Rachmaninow. Zur Dreiergruppe fanden sich Andrej Bielow (Violine), Troels Svane (Violoncello) und Hinrich Alpers zusammen. Drängend-bedrängend emotional, mit furioser Wucht und doch nie überhitzt. Das Ensemble bot ein lustvolles Spiel, das Witz und Anmut verströmte. Bei Bielow spielt sowieso der ganze Körper mit, die Mimik außerdem. Svane ist der Kontrolliertere. Alpers kann sich ein- und auch unterordnen, einen offensichtlichen Taktangeber brauchen diese wunderbaren Musikanten sowieso nicht. Hier wurden die Kraft und die Zartheit der Musik gleichermaßen in wirksamem Kontrast inspiriert.

Beim abschließenden Notturno & Tarantella op. 28 von Karol Szymanowski fielen einem dann Worte wie „Teufelsgeiger“ ein. Andrej Bielow und Hinrich Alpers verausgabten sich zur großen Freude vor einem staunenden Publikum mit überschäumender Vitalität und offenbarer Freude an ihrem Tun und an diesem Ton-Gewühl. Wohl selten hörte man eine mitreißendere Tarantella!

Szymanowski, der als Spätromantiker begann und unter dem Einfluss Debussys zum Impressionisten wurde, widmete sich in seinem Schaffen der Integration von Volksmusik. Ohne jedoch die originalen Melodien zu übernehmen. Bielow und Alpers – und für alle anderen Solisten des Abends kann das ebenso gelten! – spielten ohne Attitüde und schnörkellos. Mit Charisma, Standvermögen (vor allem der vielbeschäftigte Alpers am Flügel) und – welch Wunder auch in dieser Neuen Musik – purer Schönheit. Was für eine Glut! Welch triumphales Getöse! Hinreißend!

Barbara Kaiser – 07. Juli 2018

Andrej Bielow

Barbara Buntrock

Troels Svane

Ursula Oppens

Die Dozenten als Solisten des Eröffnungskonzertes

 

Welcome again!
Internationale Sommerakademie im neunten Jahrgang in Oldenstadt eröffnet

Es gab – wie im letzten Jahr – die berühmten gelben Metronom-Sonnenbrillen, weil  das Uelzener Eisenbahnunternehmen einer der verlässlichen Sponsoren der Musikmeisterklassen ist. Die Sonne ließ zwar auf sich warten, aber davon hatten wir ja in den Wochen davor mehr als genug. „Welcome again!“, rief Hinrich Alpers in die Menge der versammelten Teilnehmer, Dozenten und Helfer. Und damit hätte die Internationale Sommerakademie eröffnet sein können.

Weil nach neun Jahren alle Bescheid wissen: Was in den nächsten zehn Tagen folgt, sind die Hommage an Beethoven, Mozart, Mendelssohn, Brahms, Bach und an zeitgenössische Musik. Sind Tage des Musizierens auf hohem Niveau ohne den Druck, den ein Wettbewerb aufbaut. Denn Konkurrenzgebaren will die Sommerakademie nicht befördern, weshalb am Schluss auch keine Sieger  benannt, sondern Konzerte vergeben werden als Anerkennung. Man will ohne Zweifel Leistung verlangen und begleiten, will vor allem jedoch Erfahrungen weitergeben und – uns Zuhörern, fast nebenbei, großartige Musikerlebnisse schenken.

Das ist die Melange, die der Gründer und künstlerische Leiter der Akademie, Hinrich Alpers, vor ein paar Jahren „magic“ nannte. Und wer nie dabei war, verstünde es nicht.

Die Schüler für die Meisterkurse mit den renommierten Professoren Bernd Goetzke (Hannover), Jerome Lowenthal (New York), Barbara Buntrock und Andrej Bielow (Düsseldorf, Troels Svane (Berlin/Lübeck) bekommen in diesem Jahr das zusätzliche Angebot für moderne und zeitgenössische Musik durch Ursula Oppens (USA).

Die rund 30 Studenten der Instrumente Klavier, Violine, Viola  und Violoncello kommen von allen Gestaden in die Lüneburger Heide. Und es ist eine schöne Vorstellung, dass hier neben der Beschäftigung mit der Musik auch Verständnis füreinander wachsen kann, das sich potenziert, fahren die Teilnehmer wieder nach Hause.

Bürgermeister Jürgen Markwardt betonte vor drei Jahren, dass die Sommerakademie „unserer kleinen Stadt einen besonderen Glanz“ verleiht. Das ist geblieben. Im vergangenen Jahr wünschte er sich, dass die Gäste die Erfahrung mit nach Hause nähmen, dass die Deutschen angenehme Menschen seien. In diesen Zeiten bleibt das ebenfalls nötig.

In diesem Jahr stellte Markwardt den jungen Musikerinnen und Musikern in Aussicht: „You have the opportunity to make friendships – maybe for a whole life.“ Es ist noch nicht untersucht worden, ob in Uelzen Zusammengetroffene in Verbindung bleiben, ob sie „Freunde fürs Leben“ wurden. Beobachtet man jedoch den Umgang untereinander, ist das nicht auszuschließen.

„An die Arbeit!“ Mit dieser Aufforderung beschloss Hinrich Alpers die Eröffnung, die vor allem der Vorstellung der Dozenten, der Helfer und Ansprechpartner dient. Ab sofort wird studiert, geprobt und experimentiert. Das Uelzener Publikum sollte begierig und neugierig sein auf diese neunte Auflage Sommerakademie. Weil die immer, neben ganz viel Musik und hingebungsvollen Interpretationen, etwas Neues im Gepäck hat.

Barbara Kaiser – 06. Juli 2018

Schon vor der Eröffnung wird gearbeitet:

Gruppenbild mit Brille:

Andrej Bielow, Henning Vauth, Troels Svane, Barbara Buntrock

… und ab an die Arbeit!

 

– Alle Photos auf dieser Seite von Barbara Kaiser –