Presse

 Viele Dankesworte und noch mehr Musik

Abschluss der 17. Internationalen Sommerakademie mit brillanten Solisten

Schlußapplaus für die Solisten in Beethovens 5. Klavierkonzert und das Kammerorchester „Wratislavia“

Die Pflicht zuerst: Natürlich ist nach zehn Tagen Meisterkurs allen Beteiligten, den vielen Helfern, den gewogenen Sponsoren, den fleißigen Studenten, Dank zu sagen. Sie machen es möglich, dass das interessierte Publikum Konzerte hören darf, die auf höchstem musikalischem Niveau spielen. Der Vorsitzende des Trägervereins Sommerakademie, Dr. Theodor Elster, kanalisierte seinen Dank am Ende an den Erfinder und Gründer, den künstlerischen Leiter: An Professor Hinrich Alpers. „Nicht viele Künstler geben ihrer Heimat so viel zurück“, sagte er. Ob das so stimmt, ist nicht zu überprüfen. Fakt ist jedoch, dass die Region und ein dankbares Publikum eine Menge hat von diesem Jungen aus Stadensen, den viele haben künstlerisch (auf)wachsen sehen. Und dass sich auch die Kursteilnehmer:innen hier wohlfühlen beweist das Dankeschön durch sie. Und sogar ein Gedicht wurde verfasst auf diese wunderbaren Tage in Oldenstadt!

Jetzt die Kür: Eröffnen durfte das zweite Abschlusskonzert Yunong Wang (19/China) mit dem ersten Satz des Violinkonzerts von Wolfgang Amadeus Mozart. Sie tat es sehr beweglich und ausdrucksstark. Danach setzten sich Laetitia Hahn (22/Deutschland), Jukyeong Park (32/Südkorea) und Florian Albrecht (23/Deutschland) für drei Sätze Klavierkonzert A-Dur KV 488 an den Flügel. Das Anfangs-Allegro besaß eine erfrischend leichtfüßige Spielweise und lebensvoll atmende Tempi (Hahn). Das Adagio hatte Momente großer Stille. Wohltuend sachlich, ohne kühl zu sein, von emotionaler Tiefe (Park). Und im abschließenden Allegro assai hielt Florian Albrecht das Orchester straff am Zügel und trieb es an, denn seine Darbietung war eine, die auf vitaler Hochtour lief, jedoch auch Zartes und Feines kannte. Die Tonart A-Dur und Mozart, das ist ja eine Liebesbeziehung und steht für Fülle und Schönheit – die aber auch vergehen müssen. Wofür das Adagio in der abseitigen Tonart fis-moll spricht.

Nach der Pause spielte der Pole Łukasz Byrdy (32) Noten von seinem Landsmann Karol Szymanowski (1882-1937); aus „Masques“ op. 34 die Nr. 1, „Tantris, der Narr“. Tantris ist ja das Anagramm von Tristan, der sich von Isolde gesundpflegen lässt und sich in sie verliebt. Mit den bekannten Folgen. Ist er der Narr, auf ein Happy End zu hoffen? -Szymanowski gilt als polnischer Impressionist, seine oftmals ekstatische Musik bewegt sich auch an der Grenze zur Tonalität. Was sie aber spannend und neu macht (zwischen all dem Mozart!). Die Spielvorschrift für den „Narren“ lautet Vivace assai = sehr lebhaft, sehr lebendig. Byrdy verweigert dem Publikum, worauf es versessen ist: Gewissheiten. Wach und flexibel, präsent und witzig, unterhaltsam und hochmusikalisch lässt er seinen Narren durch die Szene stolpern. Die tragischen Anklänge all der späteren Verwicklungen durch Liebestrank und so weiter gibt es auch. Es war ein großartiges Stück Musikliteratur, ein Zwischenruf.

Zum großen Finale erklang das Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 von Ludwig van Beethoven. Hier muss ich persönlich werden! Ich liebe dieses Konzert ungeachtet aller Geschmacksänderungen im Laufe des Lebens seit über 50 Jahren, kenne zahllose Einspielungen. Würde diese Aufführung meinen Erwartungen entsprechen? Um es kurz zu machen: Im Klavierpart, für den Monan Jülch (22/Deutschland), Felicia Chan (19/China) und Huiming Zhang (26/China) am Flügel saßen, auf jeden Fall. Hier wurde im triumphalen Marsch-Allegro des ersten Satzes geschwelgt (Jülch), erklang die leuchtende Melancholie des Adagios, diese Ode in H-Dur (Chan), und gab ein putzmunterer Zhang eine perlende Leichtigkeit zum Besten, entfesselte er einen pianistischen Tornado, raste nicht bloß, sondern gestaltete. Immer auch das Orchester animierend. Das blieb tapfer und verlässlich an der Seite all der Solisten des Abends und machte seine Sache wirklich gut. Aber zehn Menschen Kammerorchester sind eben kein Sinfonieorchester. Leider. – Man schafft dieses Konzert in 42 Minuten, manchmal aber auch in 37. Die Oldenstädter Aufführung war eine dazwischen. Keinesfalls wurde hier etwas zerdehnt in Beethovens komplementären Gegenstück zur Nr. 4 G-Dur. Alle Details werden im ersten Satz mit großem Atem ausgebreitet und immer wieder in neuem Licht dargestellt. Bis in den Schlussakkord.

Nun ist es also wieder vorbei. Die 17. Internationale Sommerakademie ist Geschichte. Der Theologe Friedrich Schorlemmer hat einmal gesagt, in großer Musik erfahre er die Ewigkeit schon im Diesseits. Eine Nummer kleiner: Nach solch einem Parcours voller wunderbarer Musik lebt es sich danach im Alltag, für eine Weile wenigstens, freundlicher. In diesem Sinne! Die nächste, die 18. Akademie, ist geplant.

Yunong Wang eröffnete das Konzert mit Mozarts Violinkonzert in A-Dur
Laetitia Hahn als Solistin in Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 488
Ein Dank an Jukyeong Park, ebenfalls Solistin bei Mozart
Felicia Chan spielte den 2. Satz in Beethovens 5. Klavierkonzert
Huiming Zhang, ebenfalls Solist im Beethovenkonzert, dankt der Konzertmeisterin Danuta Drogowska
Lukasz Byrdy spielt Szymanowskis „Tantris, der Narr“
Ein persönlicher Dank der Teilnehmer an die Organisation…
… und auch offizielle Blumen fürs Organisationsteam

Barbara Kaiser – 10. August 2026

Klingende Verbeugungen

Erstes Abschlusskonzert der Sommerakademie mit Mozart, Mozart, Mozart aber auch Brahms, Monti und Takács

Schlußapplaus für alle Mitwirkenden

Jubelnder Applaus ist bei den Konzerten der Sommerakademie gang und gäbe. Manchmal ist er jedoch langanhaltend und man spürt des Publikums Dankbarkeit für einen so gelungene Musikabend und die Erleichterung der jungen Musikerinnen und Musiker gleichermaßen. Der 17. Internationale Meisterkurs bog auf die Zielgerade, wie immer zuerst im Kloster Medingen, das ja auch Unterrichtsort ist. Deshalb bekam Äbtissin Püttmann den obligatorischen Blumenstrauß und das Dankeschön der Veranstalter. Der ging ausdrücklich auch an die Sponsoren, „ohne die nicht so gearbeitet werden könnte, wie gearbeitet wird“, betont Professor Hinrich Alpers stets. Und: „Dann würde es viel weniger Spaß machen.“ Als Publikum hätten wir dann ebenfalls weniger Vergnügen und Genuss. Letzteres vor allem. Denn in den Konzerten der Sommerakademie erfährt das Wort Lebensfreude eine musikalische Übersetzung, indem hohes Können und Spielwitz eine Liaison eingehen. Das wäre jetzt schon die Laudatio auf den 17. Jahrgang. Aber ein Konzert kommt ja noch.

Der Beginn kam dieses Mal Peiqin Liu (20/China) zu, die den ersten Satz, Allegro, aus Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert A-Dur KV 219 spielte. Dieses Werk aus der Hochzeit des Violinspiels mit der elektrisierenden Spannung der aufsteigenden Dreiklänge im ersten Satz vollbrachte sie mit charmanter Leichtigkeit und hellen Glücksmomenten. Für das folgende Schwesterwerk, das Violinkonzert G-Dur KV 216, waren Zilin Xu (19/China) und Noa Moyal (22/Israel) für die ersten zwei Sätze, Allegro und Adagio, verpflichtet worden. Sie brachten es intelligent geschärft und spielerisch souverän (Xu) und von einer großen träumerischen Nachdenklichkeit (Moyal) zu Gehör. Wobei die Chinesin mit einer betörend selbstbewussten und dennoch bescheidenen Ausstrahlung bezauberte.

Danach gab es den ersten Jubel: Nach dem Auftritt des gerade neunjährigen Valentin Dymke (Deutschland). Der trat auf mit dem Csárdás von Vittorio Monti, diesem beliebten Virtuosenstück für die verschiedensten Instrumentierungen; Valentin ist Geiger. Natürlich hat so ein junger Musiker den Bonus der Jugend. Aber wie er diesen typisch heiseren Zygan-Geigenton traf und in rhythmischer Kraft und melodischem Charme zu fesseln wusste, das war sehr wohl beeindruckend. Begleitet wurde der Junge von Kensei Yamagushi, dem verlässlichen Korrepetitor, der sehr flinke Finger brauchte. Denn dass der Solokünstler seinem Begleiter nicht davon laufen darf, das lernt er bestimmt noch.

Viel älter wurden die Musikerinnen nach der Pause nicht: Yori Gubarew (10/Deutschland) imponierte mit der Toccata pour le piano von Jenö Takács, des österreich-ungarischen Komponisten (*1902). Sehr charismatisch, bei aller Dramatik war jede Feinheit der Struktur, jede melodische Linie denoch subtil ausmusiziert. Luise Bold (12/Deutschland) ist eine alte Bekannte, die im ersten Akademiekonzert mit der Rigoletto-Paraphrase von Liszt brillierte. Dieses Mal legte sie sich Johannes Brahms` Scherzo e-moll op. 4 aus dem Jahr 1851 vor. Es sollte damals die Visitenkarte des gerade 19-jährigen Brahms sein, die Einflüsse Chopins sind unüberhörbar. Robert Schumann pries in einem Artikel in einer Musikzeitschrift „einzelne Clavierstücke, theilweise dämonischer Natur von der anmutigsten Form“. Er meinte wohl auch diesen Brahms. Die zwölfjährige Interpretin vereinte die Poesie der intimen Gestaltung mit dynamischer Empfindsamkeit und fein artikulierter Virtuosität. Wobei Virtuosität kein inflationärer Begriff sein sollte, denn er kommt ja eigentlich von „virtus“, was Tugend bedeutet.

Zum Abschluss setzten sich Philip Hahn (16/Deutschland), Paris Chen (22/Taiwan) und Wanqi Wang (18/China) an den Flügel für die drei Sätze Allegro, Adagio, Allegro des Klavierkonzerts A-Dur KV 488. Es erblühte unter ihren Händen zu bezaubernder Klangrede. Perlend, wie eben erst entstehend bei Hahn und Wang. Den zweiten Satz und dessen sensibles Innenleben füllte Chen ohne Kapriolen bewegend aus, mit spannungsgeladenem, langsamem Zeitmaß. Das Kammerorchester „Wratislavia“ aus Wrocław realisierte mit allen Solisten eine wahrhafte, eindrucksvolle Kohärenz. Unter der Leitung von Konzertmeisterin Danuta Drogowska wurden die Erwartungen erfüllt durch eine sehr solide Orchesterkultur, die manchmal sinfonischen Sound entwickelte, immer aber die Solisten als Partner unterstützte. Es war ein beeindruckender Abend.

Peiqin Liu spielte Mozart
Auch Noa Moyal war Solistin mit Mozart
Blumen zum Dank für Äbtissin Dr. Kristin Püttmann
Furioser Czárdász gespielt von Valentin Dymke
Yori Gubarew beeindruckte mit Takaczs „Toccata“
Luise Bold spielte Brahms

Dank an die Dozenten Stefan Hempel, Annika Treutler und Sontraud Speidel

Philip Hahn eröffnete Mozarts Klavierkonzert KV 488
Paris Chen und…
…Wanqi Wang spielten die anderen Sätze.
Blumen fürs Orchester

Barbara Kaiser – 08. August 2026

Wandlungsfähig und zupackend

Im 3. Akademie-Konzert der Sommerakademie erklangen Noten von Beethoven und Brahms, Janáček und Dvořak

Vier Geigen auf einmal spielen Janacek

Es ist in den Tagen der Internationalen Sommerakademie ja nicht so, dass die Dozenten ihren Unterricht geben und sich in den Konzerten entspannt zurücklehnen. Nein! Die Damen und Herren Professoren präsentieren sich sehr wohl. Das dritte Akademiekonzert hatte vier Programmpunkte, die allesamt Glanzlichter waren. Am hellsten allerdings leuchtete die „Kreutzersonate“ von Ludwig van Beethoven, gespielt von Hinrich Alpers und Ulf Schneider. – Zeitgenossen nannten die 40 Minuten „artistischer Terrorismus“. Gewidmet war das Stück zunächst dem Geiger George Bridgetower, nach einem Streit mit ihm widmete Beethoven die Partitur um. Wir wissen, dass er da sehr konsequent sein konnte. Rodolphe Kreutzer bekam nun die Ehre, dass sein Name auf immer mit den Noten verbunden sein würde. Dabei hat der sie wahrscheinlich nie gespielt, weil er sie für unspielbar hielt und sie obendrein unverständlich fand. Undankbar!

Man denkt zudem bei „Kreutzersonate“ auch an Lew Tolstoi und seine bös-bittere Abrechnung mit der Gesellschaft und der Stellung der Frau darin. Dass der Erzähler aus eigener Erfahrung spricht, weil er seine Frau an einen Geiger verliert, dient der Dramatik. Bei Tolstoi steht Folgendes geschrieben: „Überhaupt ein entsetzliches Ding die Musik!… Darf es denn gestattet sein, dass jeder beliebige Mensch einen anderen oder viele hypnotisiert, um dann mit ihm zu machen, was er will?“ Beethoven und viele andere seiner Zunft konnten das, und wir lassen uns doch gerne hypnotisieren.

Alpers und Schneider spielten genau artikuliert, gestisch prall, temperamentvoll und vital. Ihr Zusammenspiel glich einem Wunder; auf den Punkt, hochkonzentriert und lustvoll. Im Publikum konnte man nur fasziniert lauschen, wie da die vielen klanglichen Feinheiten ausgekostet wurden. Für diesen Auftritt gab es Bravorufe. 4o Minuten Verführung, eine Dreiviertelstunde Hochleistungssport. Der Wahnsinn. Nein, Beethoven.

Den Abend beginnen durfte Haruka Higashitsuji (30/Japan) mit zwei Intermezzi von Johannes Brahms op. 118, 1+2. Die junge Frau agierte mit viel Feinsinn und Flair. – Dann eine fernere Klangwelt: Weil ein Streichquartett nicht unbedingt aus zwei Geigen, einer Bratsche und einem Cello bestehen muss, schrieb Leoš Janáček „Znelka“ für vier Geigen Nr. 1 in A. Znelka bedeutet Sonett, diese schwierigste, strengste lyrische Form, oder Erkennungsmelodie. Die Violinen strichen Muxiang Zhang (26/China), Yunong Wang (19/China), Jona Rakoczy (18/Deutschland) und Dozent Stefan Hempel. Das Quartett interpretierte die farblich reizvollen Noten mit verhaltener Gestik. Es entstand ein kunstvoll feines Schweben, eindringlich umgesetzt. Ein bisschen sphärisch fast und an asiatische Klänge erinnernd.

Zum Abschluss gesellte sich ein Landsmann zu Janáček: Antonin Dvořak. Sein Klavierquintett A-Dur op. 81 stammt aus dem Jahr 1887/88, nachdem der Komponist sein op. 5, ebenfalls in A-Dur, angeblich verbummelte, schrieb es kurzerhand neu. Entstanden ist ein meisterhaft durchgeformtes Stück Musikliteratur.  An den Violinen wechselten Zilin Xu (19/China), Yunong Wang (19/China) und Tara Iman Bongardt (19/Deutschland). Am Klavier saßen Huiming Zhang (26/China), Ziyie Yang (22/China) und Paris Chen (22/Taiwan). Studiert und unterstützt wurden sie wieder von den Kammermusikdozenten Burçu Ülkü und Zoé Cartier.

Es war ein feines Miteinander, bei der Ungestümes nie auf Kosten der Klarheit ging. Wandlungsfähig, in graziöser Leichtigkeit hier, mit robustem Zugriff da. Der langsame Satz – eine Dumka mit ihrem Prinzip des Wechsels von langsam und schnell. Der dritte Satz ein Scherzo Furiant – dieser wirbelnde Volkstanz in fröhlicher Stimmung. Das abschließende Allegro mit einer schwungvollen Polka in kunstvoller Fugato-Durchführung. Langanhaltenden Beifall gab es für alle Akteure.

Jetzt stehen noch die beiden Abschlusskonzerte auf dem Programm. Das Kammerorchester aus Wrocław ist wohlbehalten angekommen und es wird geprobt. Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 und zwei Mozart-Konzerte.

Haruka Higashitsuji spielt zwei Brahms-Intermezzi
Hinrich Alpers und Ulf Schneider in Beethovens „Kreutzersonate“
Schlußakkord mit Dvoraks Klavierquintett

Barbara Kaiser – 06. August 2026

In hoher Vollendung

Im zweiten Akademiekonzert gab`s Romantik: Brahms, Liszt, Schumann und Skrjabin

Es sei voller und wärmer als beim ersten Konzert freute sich Hinrich Alpers in seinen Begrüßungsworten, es war allerdings die Härte. Für Zuschauer:innen, vor allem aber die jungen Musikerinnen und Musiker. In der Pause sagt eine Dame, sie habe noch nie gesehen, wie ein Schweißtropfen an der Geige heruntertropft – diesmal schon. Der gehörte Professor Stefan Hempel, dem mit seinem „geschätzten Kollegen“, Professor Hinrich Alpers, der Auftakt zufiel. Mit Johannes Brahms` Violinsonate G-Dur op. 78. Warum das Werk aus dem Jahr 1878/79 auch „Regensonate“ genannt wird, erschloss sich zwar nicht; das lag aber nicht am Spiel der Beiden. Die lieferten in drei Sätzen zwischen dem Vivace, dem Adagio und einem Allegro zum Schwelgen einen bestechend homogenen Zusammenklang, ein subtiles Miteinander in hoher Vollendung und mit inniger Melancholie.

Danach saß Laetitia Hahn (Deutschland/22) am Flügel. Sie hatte Franz Liszts Ballade Nr. 2 studiert. Ihrer Interpretation fehlte es nicht an Entschiedenheit, Energie und Souveränität gegenüber der Partitur. Sie nahm sich Zeit für das Ausspinnen melodischer Linien und das Verweilen in raffinierten harmonischen Verläufen. Es war eben ein Liszt – mit dem beeindruckt man immer sein Publikum. Die junge Frau passte dazu. Man war versucht, sie sich in der Schar der jungen Elevinnen vorzustellen, die dem Komponisten bis ins hohe Alter – ihn bewundernd – in Weimar zu Füßen lagen! Die Ballade Nr. 2 schrieb Liszt im Jahr 1853, das Genre eignet sich ja fürs Dramatische. Das hat die Interpretin gut erkannt.

Yu-Hsien Chen (China/28) spielte nach der Pause Alexander Skrjabin und dessen Etüde op 42.5, eine von acht Stücken aus dem Jahr 1905. Die ist eine künstlerische Herausforderung, aber der Pianist schlug aus seiner spieltechnischen Leistung auch den gewissen Funken, der übersprang und in diesem Romantikabend ein schöner Kontrapunkt war.

Zum Schluss erklang das Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann aus dem Jahr 1842. Gewidmet war es zunächst Maria Pawlowna, der Zarentochter, die 1804 ins kleine Herzogtum Sachsen-Weimar geheiratet worden war und dort mit dem mitgebrachten, im Schloss präsentierten Zarenprunk alle verzückte. Später widmete Robert Schumann das Werk seiner Frau Clara, vielleicht hatte Maria Pawlowna kein Faible fürs Quintett. – Es ist ein viersätziges Werk voller Frische, für das Noa Moyal (Israel/22), Beatrix Azcona (Spanien/23) und Muxiang Zhang (China/26) sich den Geigenpart teilten. Am Klavier agierten Monan Jülch (Deutschland/22), der im ersten Konzert mit Ravel einen sehr guten Eindruck hinterließ, und Huiming Zhang (China/26). Unterstützt wurden die Studentinnen und Studenten durch Burçu Ülkü (Viola) und Zoé Cartier (Violoncello), die Kammermusikpädagogen.

Das Ensemble ging großartig unerschrocken ans Werk, ebenso kraftvoll wie zärtlich lyrisch. Das Allegro brillante verdiente seinen Namen zu 100 Prozent. Der Trauermarsch von Satz 2 ist genauso wunderbar traurig wie die in Beethovens 3. oder 7. Sinfonie. Man konnte sich dem insistierenden Motiv nicht entziehen. Die Zuhörer:innen geriet auch im Scherzo und Finale in einen strömenden Klang, mit straffen Tempi und fröhlichem Gestus. An keiner Stelle zerbröselten die Minuten der Sätze zur bloßen Reihung von Momenten. Nichts war domestiziert oder poliert – reine Spielfreude, präzises Miteinander. Dafür gab es den jubelnden Beifall völlig zu Recht.

Laetitia Hahn spielte Franz Liszts 2. Ballade
Schlußapplaus nach Schumanns Klavierquintett

Barbara Kaiser – 05. August 2026

In agiler Ausstrahlung

Akademiekonzert Nr. I mit Ravel und Debussy, Liszt und Paganini und – Mozart

Mozarts Klavierquartett g-moll bildete den Abschluß des Programms

Die Frage, welches mein persönlicher Stern dieses ersten Akademiekonzerts gewesen sein könnte, beantwortet sich leicht: Es war die zwölfjährige Luise Bold, die mit der Rigoletto-Paraphrase von Franz Liszt wohl alle in ihren Bann schlug. Das Mädchen aus Rheinland-Pfalz gewann in diesem Jahr den ersten Preis bei „Jugend musiziert“ in der Sparte Klavier solo ihrer Altersklasse und sie musizierte wirklich unglaublich. Blitzend, mitreißend und mit unbeirrbarer Sicherheit interpretierte sie die Noten, die Verdis Quartett „Holdes Mädchen, sieh mein Leiden“ umspielen. Die Szene, in der der treulose Herzog schon die Nächste an- und Gilda hinter der Tür damit entsetzlich unglücklich macht. Franz Liszt setzte daraus solch ein Renommierstück, wie wir es von ihm kennen. Luise Bold renommierte nicht. Sie war hochkonzentriert im Spiel und sehr bescheiden, als sie den Applaus entgegennahm. Bravo! Nebenbei: Auf der Premierenfeier des „Rigoletto“ hat man Victor Hugo, der die literarische Vorlage mit seinem Stück „Der König amüsiert sich“ für die Oper lieferte, angesprochen, dass der Erfolg der Oper den seines Melodrams weit übersteigen werde. Der ärgerte sich nur mäßig und antwortete: Wenn ich in meinem Stück ebenfalls vier Leute hätte gleichzeitig reden lassen können, wäre es auch erfolgreicher gewesen. Er bezog sich damit auf eben jenes Quartett, ein Brillant der Opernliteratur.

Das erste Akademiekonzert blieb sich treu, betrachtet man das Format aus den Jahren davor. Es brachte Solostücke und Kammermusik. Dabei mischen sich als Akteure die Studierenden mit den Dozenten. Der Auftakt fiel Monan Jülch (Deutschland/22) zu. Er hatte sich drei Stücke aus Ravels „Miroirs“ aufs Pult gelegt; Noctuelles – Nachtfalter, Une Barque sur i`Ocean – Das Schiff auf dem Meer und La Vallée des Cloches – Tal der Glocken. Mehr Impressionismus geht nicht. Der Pianist begann griffig und eingängig, verstand sich jedoch auch auf unwiderstehliche Sinnlichkeit. Er lässt offen, ob der aufgeregte Nachtfalter, der zu nah ans Licht geriet, verbrennen wird oder nicht. Für den wiegenden Ozean fand er die richtigen vielfältigen und raffinierten Farbnuancen. Die Glocken läuteten Abschied.

Weil es schöne Tradition ist, dass sich auch die Dozentinnen und Dozenten an die Instrumente setzen, fanden sich Annika Treutler und Hinrich Alpers am Flügel. Mit Debussy und dessen „Petite Suite“ zu vier Händen gaben sie eine schöne Vorstellung. Darin spielt übrigens Wasser schon wieder eine Rolle: Es geht an Bord, es ist eine wohl laute, fröhliche Gesellschaft, die zuerst Menuett und dann, als es ausschweifender wird, Walzer tanzt. Treutler und Alpers lieferten ein geistreiches musikalisches Florettfechten, bei dem sie sich erfrischend sekundierten.

Nach der Pause machte Jona Rakoczy (Deutschland/19) die Zuhörer:innen staunen mit Niccolo Paganinis Variationen über „Nel cor più non mi sento“, dieser Arie der schönen Müllerin aus einer Paisiello-Oper. Aus dem einstigen Ohrwurm erschuf Paganini ein Feuerwerk der technischen Effekte. Rakoczy stellte sich nie kraftmeierisch heraus, auch wenn es genügend Gelegenheiten dafür gegeben hätte. Trotzdem fragte man sich als Zuhörer, wie er das wohl macht, woher die Töne in dem Moment gerade kamen. Bezwingend auch im Leisen, mit Gefühl, verschwenderisch glitzernd. Bewunderswert.

Zum Abschluss erklang Mozarts Klavierquartett g-moll KV 478 aus dem Jahr 1775. Die Violinen strichen Sofia Zeltser (Russland/22) und Erika Ito (Japan/23), am Flügel saß der erst zwölfjährige Anso Lee aus China. Kammermusikalische Unterstützung erhielten sie durch Burçu Ülkü (Viola) und Zoé Cartier (Violoncello). Der Komponist hat im Entstehungsjahr Schwerstarbeit geleistet. Er komponierte sechs Streichquartette, „Figaros Hochzeit“ war in den Anfängen, das Es-Dur-Klavierkonzert hatte er außerdem im Kopf. Sein Verleger Hoffmeister verlangte drei Klavierquartette, „kurz, leicht, populär“, damit es „die großbürgerlichen und adligen Dilettanten eifrig kaufen und in ihren Salons zum Besten geben“. Weil Mozarts Arbeit für den Hausgebrauch viel zu anspruchsvoll war, befürchtete der aber Einbußen, so blieben es nur zwei Quartette, wobei er eins noch großmütig der Konkurrenz schenkte, Mozart aber wenigstens entlohnte. Das kann uns heute egal sein. Wir erfreuen uns an dem kraftvollen Klavierpart, an der Harmonie des zweiten Satzes und den fröhlichen Sechzehnteln. Es war insgesamt durchaus Mozartzauber, vielleicht ein bisschen zu brav? Am Ende wurde jedoch mit Temperament musiziert, genauso wie mit schlichter Empfindsamkeit, wie es die erfindungsreiche Partitur fordert.

Summe: Es war ein schöner Auftakt dieser Reihe von insgesamt fünf Konzerten. Am Dienstag, 4. August, geht es weiter. Unter anderem mit Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur und Johannes Brahms` Violinsonate G-Dur op. 78.

Barbara Kaiser – 03. August 2026

Bewundernswert: Jona Rakoczy spielte Paganini
Highlight: Luise Bold mit Liszts „Rigoletto-Paraphrase“
Annika Treutler und Hinrich Alpers vierhändig mit Claude Debussys „Petite Suite“
Schlußapplaus für Mozart

Der Startschuss

Die 17. Internationale Sommerakademie ist eröffnet

Blauer Himmel, freundliche Vorfreude-Gesichter überall. Die 17. Internationale Sommerakademie der Lüneburger Heide geht in ihren neuen Jahrgang. Insgesamt 62 Teilnehmer:innen haben sich angemeldet. Dass das Feld international ist, verspricht schon der Name der Veranstaltung. China, Südkorea und Japan stellen die Hauptmacht, die Namen aus Deutschland klingen nach „Wiederholungstäter“ in der Sommerakademiefamilie. Die Länder Rumänien, Spanien, Polen oder Russland bleiben die Solitäre. Wie unglaublich schnell die Jahre dieser internationalen Meisterklasse dahingingen sieht man daran, dass in diesem Jahr auch Leander und Laurenz Alpers (*2013) unter den Schülern sind – als ihr Vater Hinrich das Format gründete, waren sie noch gar nicht geboren! Aber trotzdem sind sie nicht die Jüngsten. Im Jahr 2015 wurde Yori Gubarew geboren; sie kommt aus Dresden und freut sich, sagt sie. Laetitia Hahn sitzt schon am Klavier und übt ihren Mozart, den sie mit dem Orchester spielen will. Die junge Frau wohnt in Eisenach (Bachstadt!) und studiert in Hannover bei Bernd Goetzke. Der wiederum kam gestern erst aus China zurück und hat daneben eine stolze Zahl zu verkünden: Er ist nicht nur das Urgestein der Sommerakademie, er hat gerade sein 100. Semester an der Hochschule Hannover beendet. Wow!

Professor Hinrich Alpers saß am Flügel im Langhaus und beantwortet die Frage, wie es ihm ginge kurz vor Beginn, mit der sehr schlüssigen Antwort: „Mit Beethoven geht es einem doch gut!“ Er probierte den Klavierpart der Kreutzersonate, die auf dem Programm stehen wird. Außerdem hielt er für erwähnenswert, dass es nie, in all den 17 Jahren nicht, zur Eröffnung geregnet habe, sodass man sich im Langhaus drängeln musste. Auch in diesem Jahr würden alle Teilnehmer:innen im Rund auf dem historischen Gelände stehen.

Das waren die ersten Eindrücke an diesem Vormittag, an dem die Anspannung, die Erwartung, in der Luft lagen. Es gab das übliche Welcome für die Dozenten, den Dank an die Sponsoren und ehrenamtlichen Organisatoren. Landrat Dr. Heiko Blume war „proud und happy“, die jungen Musiker:innen begrüßen zu können und wünschte ihnen „very good days to learn“. Bürgermeister Markwardt nannte das immer „learn from the best“ – aber von der Stadt Uelzen hatte dieses Mal bedauerlicherweise niemand den Weg nach Oldenstadt gefunden…

Es geht also los: Zehn Tage Arbeit, Gemeinsamkeit und viel, viel Musik. Mein persönlicher Favorit (seit fast 50 Jahren) wird das Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur von Ludwig van Beethoven sein. Ich bin gespannt, von wem und wie es mit dem Kammerorchester aus Wrocław interpretiert werden wird. Obendrein wird die 17. Sommerakademie flankiert von zwei Ausstellungen; der des Bundes Bildender Künstler zum Thema „Rhythmus“ und der mit Fotos von Hans Lepel (siehe Extratext).

„Falsche Noten zu spielen ist unwichtig, aber ohne Leidenschaft zu spielen, ist unverzeihlich“, war sich Ludwig van Beethoven sicher. Wir Zuhörer:innen der 17. Internationalen Sommerakademie dürfen sicher sein: Falsche Noten gibt es in den vielen Unterrichtsstunden vielleicht, Noten ohne Leidenschaft in den zahlreichen Konzertauftritten an keiner Stelle.

Barbara Kaiser – 31. Juli 2026

„Wenn ich auffallen will, störe ich“

Musikerfotos von Hans Lepel zur 17. Internationalen Sommerakademie

Vor 100 Jahren war Fotografie Inszenierung von Realität. Man schmiss sich in den Sonntagsstaat und musste ganz lange stillsitzen. Manche der so Abgelichteten gucken für uns heute so erschrocken, als hätten sie wirklich daran geglaubt, dass ein Vögelchen aus dem Kasten fliegt. Bloß nicht lachen! Ernst sein und würdig. Heute machen die Telefone die Bilder, die dazu dienen, Augenblicke festzuhalten – und sich selber darzustellen. Dabei geht es schon mal peinlich zu und es kommt vor, dass all diese Hobbyknipser ein Landschaftsmotiv, eine Gegend, zuschanden posten. – Hans Lepel gehört nicht zu diesen Leuten. Seine teure Kamera ist angemessen schwer, die passte in keine Jeanstasche. Und der 79-Jährige stellt nie Fotos ins Netz, prostituiert sich nie. Überhaupt nimmt er die Sache, diese Art der Abbildung, ernst, sich selber aber anscheinend nicht so wichtig.  Er ist der stille Beobachter, der den Moment festzuhalten weiß, der am meisten von seinem Geschehen transportiert, wo sich Sinnliches und Sinnbildliches verbinden. Seit vielen Jahren begleitet der pensionierte Pädagoge die Internationale Sommerakademie (und die Veranstaltungen im Neuen Schauspielhaus Uelzen). Und so hängen im Langhaus Oldenstadt auch in diesem Jahr, dem 17. Jahrgang, Fotos aus dem letzten Jahr.

Hans Lepel, der einst Englisch, Politik und Geschichte unterrichtete und Direktor des Lessing-Gymnasiums war, hat sich schon immer künstlerisch betätigt. Sagt er. Früher habe er gezeichnet. Sein eigener Kunstlehrer war Walter Schrammen, dieser wunderbare Uelzener Maler (1923 – 2014), von dem er sicherlich viel gelernt hat. Als die kurzen Skizzen nicht mehr schnell genug gingen, fand er die Fotografie für sich. Die ist für ihn, im Falle der Sommerakademie, das „Festhalten von Kunst“. Nun halte einer Musik fest! Sie ist vorbei in dem Moment, in dem sie erklingt. Hans Lepel schafft es dennoch, dem Betrachter seiner Fotografien auch eine Klangwelt zu imaginieren. Man muss dazu nur ganz still sein und vor einem Bild verharren…

Musikerfotografen seien eher rar gesät, weiß Lepel. So gesehen habe er keine „übermächtigen Vorbilder“. Aber für ihn sei es „Privileg, bei Klassischer Musik fotografieren zu dürfen.“ Deshalb ist es sein Bestreben, in den Konzerten möglichst unsichtbar zu bleiben. Lepel geht aber auch in den Unterricht der Sommerakademie um zu sehen, wie die Studenten mit den Lehrkräften interagieren, um mehr zu erfahren, als man bei einem Auftritt je erfahren kann. Seine Fotos sind auch ein bisschen Dokumentation. Jeder, der ein gut sortiertes Archiv hat, kennt das Gefühl der Wiedererkennung, des Effekts der Worte „so lange schon her“. Hans Lepel kennt übrigens die „Wiederholungstäter“ der Sommerakademie mit Namen, erinnert sich an Situationen, an Gefühle der Erleichterung oder Anspannung.

Das alles kann (!) man auf seinen Bildern sehen. Auch wenn wir nur hören oder sehen, was wir erwarten. Aber dann wäre die Welt zu einfach. Lepel bannt eine Essenz. Es sind stille, atmosphärische Aufnahmen; ein Kontrapunkt zum heutigentags großen und oft hektischen Versuch, ins Licht und zu Wort zu kommen, sich zu zeigen. Natürlich hört man auf den Bildern auch mal den Forte-Schlussakkord mit, aber trotzdem schreit da nichts. Es sind unaufgeregte Momente, verdichtet durch das Wissen und die Emotion des Fotografen um größere Zusammenhänge. Hans Lepel spielt nie die Überlegenheit der Distanz aus oder stellt gar bloß. Seine fotografierten Musiker:innen ruhen in sich, sind ganz in der Musik, die sie umfließt. Man ahnt etwas von der Arbeit, die vor diesem Auftritt stand, von dem Wunsch, mit dieser Partitur Weltbeteiligungskunst zu erzeugen, als Mittel zum Verständnis, zur Verständigung. Hans Lepels Fotografien erscheinen beiläufig, sind aber außerordentlich kunstvoll. Es sind stimmungsvolle Porträts voller berückender Entspanntheit, die den Betrachter berühren.

Hans Lepel

Barbara Kaiser – 31. Juli 2026