Meisterkurse und Konzerte

22. Juli - 2. August 2021

Presse

Im Ziel. Sommerakademie: Zwölfter Jahrgang mit furiosem Konzert beendet

Am Ende gab es traditionell viele Dankesworte. An die Geld spendenden Unterstützer. An diejenigen, die zehn Tage lang alles am Laufen halten, allen voran Birgit Alpers-Meyer, die vom Vorsitzenden des Trägervereins Sommerakademie, Dr. Theodor Elster, zwölf weiße Rosen erhielt – für jedes Jahr eine. „Wir sind glücklich und froh“, bekannte er, dass diese Sommerakademie Meisterklassen für Klavier- und Streicherunterricht, von der Geige bis zum Kontrabass, beinhaltet und zusätzlich noch Konzerte für uns bereithält. „Leider ohne Zugaben!“ Aber: jetzt die gute Nachricht, die 13. Internationale Sommerakademie kommt ganz bestimmt, wie Hinrich Alpers versichert. In der Zeit vom 14. bis 24. Juli 2022!

Aber vielleicht muss man an dieser Stelle auch einmal einen Teilnehmer zu Wort kommen? Ich habe mit Lukas Rudolph gesprochen. Kontrabassist, 27 Jahre alt, aus Saarbrücken und das vierte Mal bei der Akademie dabei. Warum kommt er? Was schätzt er an diesen zehn Tagen? Man muss dazu wissen, dass Lukas Rudolph seit drei Jahren fest angestellt ist bei der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern. Was also will so ein Mann unter Studenten?

Die Antwort ist deutlich: „Ich komme wegen Nabil Shehata“, sagt er. Mit ihm, dem Kontrabassdozenten,  habe er, obgleich zeitversetzt, beim selben Professor studiert. „Und bei ihm, Shehata, wollte ich immer Unterricht haben, weil ich ihn für einen der Besten halte.“  Außerdem könne man sich als Musiker immer weiterbilden, denn „die Arroganz, ich bin fertig, darf man nicht entwickeln.“ Und man könne sich bei der Akademie ausprobieren, sagt Rudolph, weil man „nebeneinander spielt und nicht gegeneinander.“ Wenn das keine Komplimente sind für dieses Format, das sich seit seinen Anfängen ständig  gestreckt und gehäutet hat?

Was bei diesem „Miteinander“ herauskommt, davon zeugte das zweite Abschlusskonzert. Es ist unmöglich, jemanden auf ein Siegerpodest zu stellen. Das wollte die Sommerakademie noch nie. Jeder Zuhörer  wird seine eigenen Präferenzen gehabt haben. Meine war die Japanerin Sawako Kosuge (29), die aus der Partita für Violine solo E-Dur (BWV 1006) das Präludium spielte. Wofür sie jubelnden Applaus bekam.

Als weiteren Höhepunkt kann man ohne Zweifel das Kontrabasskonzert fis-moll op. 3 von Serge (eigentlich Sergej) Koussevitzky (1874 bis 1951) benennen. Die Anfangsfanfare klingt hier wie Schostakowitsch, und eine erahnte Referenz an den „Hummelflug“ von Rimskij-Korsakow will man auch hören. Das hochromantische Werk mit so kleinem Orchester, ohne Bläser und ohne Dirigenten zu spielen – das ist Meisterleistung! Großartig unerschrocken, zwischen Lyrismen und rhythmisch Markantem gehörte der Solopart Rune Kristian Shhiölde, dem 19-jährigen Norweger, Yosuke Motoyama (28) aus Mainz und Lukas Rudolph (27). Bravo! Für alle Solisten und dieses wunderbare Ensemble „Compagnia Musicale“ mit Konzertmeisterin Dorothea Fiedler-Muth.

Sie alle warfen sich den Partituren bedingungslos zu Füßen, ließen die grazile musikalische Schönheit eines Mozart erblühen. Entführten in eine Welt des strömenden Klangs von Liszt und Chopin („Auf dem Wasser zu singen“ und Barcarolle Fis-Dur). Und bewiesen, dass Beethoven sowohl Impressionist als auch Expressionist sein konnte; jedenfalls in seiner vorvorletzten Klaviersonate Nr. 30 E-Dur op. 109, als er sich schon lange nicht mehr um den Publikumsgeschmack scherte.

Lieblingsmusik kann, das haben Kardiologen herausgefunden, gesund fürs Herz-Kreislaufsystem sein. Bis zu einem Viertel soll sie unsere Blutgefäße erweitern und Wohlbefinden erzeugen. So gesehen haben die zahlreichen Konzertbesucher sehr gesund gelebt an diesem Abend. – Auf ein Wiedersehen in einem Jahr!


Sawako Kosuge spielt Bach für Violine solo


Hinrich Alpers dankt seinen Gastdozenten


Lukas Rudolph als Solist in Koussevitzkys Kontrabaßkonzert


Quanlin Wang spielt Mozart, begleitet von der Compagnia Musicale Hamburg

Barbara Kaiser – 02. August 2021

 

Auf der Zielgeraden. Sommerakademie: Erstes Abschlusskonzert auf luxuriösem musikalischem Niveau

Der Pianist Bernd Glemser sagte am Rande eines Festivals in Süddeutschland, es sei ein großes Privileg, dass man als Musiker die Noten auf dem Papier zum Leben erwecken dürfe. Dazu müsse man sich jedoch mit Demut vor dem Komponisten ans Werk machen. So wie es Swjatoslaw Richter, sein großer russisch-sowjetischer Kollege, einmal gesagt habe: Die Leute sollen nicht auf mich schauen, sondern auf Beethoven, wenn ich Beethoven spiele.

Die Sache mit der Demut ist meiner Ansicht nach ein Markenzeichen der Internationalen Sommerakademie, die mit dem ersten Abschlusskonzert nun auf die Zielgerade einbog. „Wir haben es fast geschafft“, begrüßte Hinrich Alpers die Zuhörer, um zu ergänzen: „Ich bin sehr froh, dass wir es auch in diesem Jahr wieder geschafft haben, so schöne Abschlusskonzerte mit Orchester zu machen.“ Und was für ein Orchester, kann man nach dem ersten Abend ausrufen! Die „Compagnia Musicale“ aus Hamburg, unter der Leitung der Konzertmeisterin Dorothea Fiedler-Muth, entwickelte vom ersten Ton an einen betörenden Sound.

Es waren reichlich zwei Stunden Musik von Komponisten, die im 18. beziehungsweise 19. Jahrhundert Zeitgenossen waren: Mozart, Franz Anton Hoffmeister und Johann Baptist Vanhal. Schubert, Schumann, Brahms, Liszt. Dazu kam Claude Debussy als der Jüngste. Aber wen jetzt hervorheben unter den Pianisten, Geigern, Bratschisten und Kontrabassisten? Zwölf Kursteilnehmer hatten ihren Auftritt.

Vehement und lustvoll begann der Abend mit dem 1. Satz des Violinkonzerts D-Dur, KV 218. Wan-Jo Lin (24/Lübeck) bot eine superreine Kadenz, das Spiel versiert unsentimental. Genauso aufgeweckt löste sie Urszula Abramczuk (26/Rostock) mit dem Allegro  aus dem Violakonzert von Hoffmeister ab. Offen, humorvoll, nie betulich. Dann saßen Hikaru  Kanki (27/Hannover), Shu-Fei Lu (20/Köln), Knut Hansen (28/Mülheim) und Denis Oleak (25/Köln) am Flügel. Mit Noten von Schubert, Liszt und Brahms.

Für sie alle galt, dass sie Ausdruckskraft, Gefühl und Leidenschaft mit der inneren Dramaturgie des Stücks zu kombinieren wussten. Sie ließen viel Platz für Stimmungsmalerei, zum Beispiel bei den Wasserspielen der Villa d` Este (Les jeux d`eaux á la Villa d` Este – Liszt), oder sie kamen flirrend atmosphärisch und dramatisch daher. Mit Elan und Klarheit (die zwei Klaviersonaten fis-moll und C-Dur von Brahms).

Annina Pritschow (20/Rostock) interpretierte mit Rasanz und Farbe das Finale von Debussys Violinsonate g-moll, und Christina Schoonakker (23/Großbritannien) entfaltete eine assoziative Zauberwelt  voller Magie mit einem Stück aus Schumanns „Märchenbildern“. War nun Dornröschen gemeint oder eher Schneewittchen? Das blieb dem Zuhörer überlassen. Ricardo Müller (22/Rostock) fiel der 1. Satz der Schumannschen Violinsonate d-moll zu. Die   erklang mit Unausweichlichkeit und in einem faszinierenden Miteinander mit seinem Begleiter am Klavier (Alpers).

Das Kontrabasskonzert  D-Dur des böhmischen Bauerensohns Vanhal war das einzige Werk, das vollständig gespielt wurde – aus Rücksicht auf den Zeitrahmen. Obgleich: Man hätte das eine oder andere gerne in Gänze gehört, weil einzelne Sätze immer Stückwerk bleiben müssen. Am Soloinstrument dafür: Lluis Böhme (24/Hannover), Florian Ziesch (25/Leipzig) und Xenia Bömcke (26/Stuttgart). Alle drei realisierten den wohllautig fülligen Klang in präziser Artikulation und vehement lustvoll. Wobei es Florian Ziesch mit dem Adagio am schwersten hatte. Das Orchester blieb wunderbar anschmiegsam und trug nicht wenig zum jubelnden Schlussapplaus bei.

Summe: Es wurde auf luxuriösem musikalischem Niveau musiziert. Keiner der Solisten fiel durch selbstverliebte Wichtigtuerei auf. Auch das Robuste hatte stets Charme. Die Frage nach meinen persönlichen Favoriten ist schwer zu beantworten. Vielleicht Knut Hanßen, der mir im letzten Jahr schon sehr gefiel, und Xenia Bömcke. Aber wenn der künstlerische Leiter Hinrich Alpers zu Beginn wieder den Sponsoren den Dank abstattete, stellvertretend dem anwesenden Dr. Florian Ebeling von der Stadt, dann hat das Publikum allen Musikern zu danken. Für ein verführerisches Konzerterlebnis!


Christina Schoonakker spielt Schumanns “Märchenbild” Nr. 1, begleitet von Diana Brekalo


Begeisterter Schlußapplaus für die Solisten in Vanhals Kontrabaßkonzert (Florian Ziesch, Lluis Böhme und Xenia Bömcke)


Auch die Kursteilnehmer und Dozenten (vorn Nabil Shehata) sind begeistert


Knut Hanßen spielt Brahms


Wan-Jo Lin als Solistin in Mozarts Violinkonzert D-Dur

Barbara Kaiser – 31. Juli 2021

 

Mit Drive. Sommerakademie: 3. Akademiekonzert fabrizierte staunende Zuhörer

Ja, auch dieses dritte Akademiekonzert hatte wieder ein Glanzlicht. Eine Partitur, die ein ganz anderes Hörgefühl produzierte, die staunen machte und den Puls beschleunigte. Die Rede ist von der Sonate für Bratsche und Klavier op. 11,4 von Paul Hindemith. Nun werden an dieser Stelle ja Dozenten nicht explizit herausgestellt – weil es ihre Aufgabe und Profession ist, beglückende Studien der vollkommenen Unangreifbarkeit abzuliefern. Aber was Simone von Rahden und Hinrich Alpers hier spielten,  kann nicht einfach unter `selbstverständlicher Professionalität` abgebucht werden.

Die Hindemith-Sonate ist eigentlich nur ein Satz, der in eine Fantasie mit vier Variationen über ein Volksliedthema und ein Finale mit sieben Variationen über ein weiteres Thema gegliedert ist. Entstanden im Jahr 1919, ist sie eine aus dem Sonatenzyklus op. 11, der sechs Stücke umfasst. Sagt man dem Komponisten ab der Nummer fünf neobarocke Tendenzen  nach, so ist davon in der Nummer vier nichts zu hören.  Die ist ein verstörend schönes Werk, das die zwei Musiker als vitale Hochtour darboten, sich aber genauso in Feinem und Zartem zu verlieren wussten. Atemberaubend eben.

Für Franz Schuberts Klavierquintett A-Dur – „Forellen-Quintett“ – bewies Cord Koss (22) aus Frankfurt/Main an der Violine ein sehr beachtliches Standvermögen durch alle fünf Sätze. In den Kontrabasspart teilten sich Florian Ziesch (25/Leipzig), Yosuke Motoyama (28/ Mainz), Antonia Weiß (24/Leipzig) und Lluis Böhme (24/Hannover). An Viola, Violoncello und Klavier arbeiteten Simone von Rahden, Jakob Nierenz und Hinrich Alpers. Es ist übrigens sechs Jahre her, dass dieses Schubert-Quintett schon einmal bei der Sommerakademie erklang.

Auf das Lied mit einem Text von Christian Friedrich Daniel Schubart entstanden die fünf Sätze mit einer pittoresken Klavierbegleitung, die höchste Anforderungen an den Pianisten stellt. Die ungewöhnliche Besetzung fußt auf der von Nepomuk Hummel, Mäzen Franz Schuberts und oberösterreichischer Bergwerksdirektor, der hatte sie so bestellt. Ganz offenbar auch mit der Bedingung, dass es einen Variationen-Satz gibt, der das bekannte Lied „In einem Bächlein helle“ verarbeitet.

Die A-Dur-Tonart verbreitet einen unwiderstehlichen Silberglanz, malt den dahin schießenden Fisch und den still gleitenden Fluss. Vermutlich spiegelt dieses Stück Musik auch die für den Komponisten glückliche Sorglosigkeit der Sommerwochen 1819, aber die Partitur ist doch so viel mehr als gehobene Unterhaltungsmusik, für die sie damals genommen wurde. Der poetische Text bekam durch Schubert eine klare musikalische Fassung.

Auch die Bassisten bekamen zu tun und absolvierten ihre Parts in schöner Lässigkeit. Zum Mann am Flügel muss man nichts sagen, der ließ sich durch all die Triolen und Sechzehntel nicht beirren und verbreitete den nötigen Charme. Forellen-Idyll. Im Andante gaben alle Akteure den unruhigen Modulationen – der böse Fischer tritt auf und „macht das Bächlein tückisch trübe“ – Kraft und Ausdruck.  Im schönsten und bekanntesten Satz, der „con variazioni“, realisierte das Ensemble den wohllautend fülligen Sound in präziser Artikulation und bewies Gestaltungsvermögen. Hier wurde nichts zelebriert oder nur dechiffriert, sondern mit überzeugender Hingabe musiziert.

Das Spiel war eine heitere Kumpanei. Uneitel, in fesselnder Dichte, vor allem in Satz vier ein lautmalerisch-assoziatives Musizieren. Zwischen schwebend changierender Helle, animierter Zartheit und feinster Durchsichtigkeit der Linien und Strukturen. Solisten, ob Sänger oder am Instrument, sind ja nicht zwingend gute Kollektivspieler. Diese Gewissheit konnte der Zuhörer in den Konzerten der Sommerakademie schon immer ins Reich der falschen Befürchtungen verweisen. An diesem Kammermusikabend brachte das Quintett durch lückenlose Übereinstimmung Sinnenzauber in die Noten, fesselte bis zum Final-Jubel.

Ach ja, und dann gab es noch das Klavierquartett Es-Dur KV 493. Stephan Picard (Geige), Jakob Nierenz (Violoncello) und Sheila Arnold (Klavier) umrahmten die Studentin Sophie Kiening (20/Berlin) an der Bratsche. Sie lieferten eine sehr akzeptable Leistung, auch wenn für mein Ohr der Spannungsbogen mitunter abriss. Und als „Pausensnack“ erklangen das Zwischenspiel und das Vorspiel zu „Carmen“; Sie wissen schon, mit der berühmten Torero-Ermächtigung, diesmal jedoch für vier fröhliche Kontrabässe. Aber neben dem Hindemith und dem Schubert verblassten diese Auftritte in der Erinnerung. Großes Pardon, aber vielleicht hat es der eine oder andere Zuhörer so empfunden wie ich.


Schuberts Forellenquintett erklang mit vier verschiedenen Kontrabassisten (hier Florian Ziesch)


Schwungvolle Pauseneinlage der Kontrabassisten


Simone von Rahden und Hinrich Alpers spielten Hindemiths Sonate op. 11,4


Sophie Kiening an der Bratsche im Mozart-Klavierquartett


Yosuke Motoyama (Kontrabaß) und Jakob Nierenz (Violoncello) im 2. Satz des “Forellen-Quintetts”

Barbara Kaiser – 29. Juli 2021

 

Mit Furor. Sommerakademie: 2. Akademiekonzert mit faszinierendem Schumann-Quintett

Welche Leidenschaft! Was für ein Feuer! Hörte man einen Robert Schumann je so modern; als Gratwanderung, große Gefühle zu malen und an keiner Stelle den Kitsch auch nur zu streifen? Das zweite Akademiekonzert der diesjährigen Sommerakademie bot das Klavierquintett Es-Dur op. 44 genau auf diese Art! Das Stück Musikliteratur in dieser Aufführung kann getrost Faszination genannt werden.

Am Flügel saß ein enthusiastischer  Gabriel Yeo (24) aus Hannover. Die Geigerin Friederike  Remmel (22) aus Lübeck und die polnische Bratscherin Urszula Abramczuk (26) standen ihm zur Seite. Ergänzt wurde das Ensemble durch die Dozenten Stefan Hempel (Violine) und Mark Schumann (Violoncello).

Das Quintett ist ja eins der feurigsten und tieftraurigsten gleichermaßen. Musikwissenschaftler sehen in diesen Gegensätzen Schumanns literarische Lieblingsfiguren von Jean Paul, Florestan und Eusebius, am Werk. Tschaikowskij nannte den 2. Satz einen Trauermarsch, der „eine ganze Tragödie“ darstelle. Auf jeden Fall gehören gerade diese Noten an die Seite der langsamen Sätze von Beethovens Sinfonien Nr. 3 und 7! Das ist sphärisch, das ist zum Anbeten.

Und so musizierten die fünf Solisten dann auch, mit den zwei Seelen, die die Noten vorgeben. Nirgendwo Routine oder gar Renommiersucht – die Partitur böte genügend Möglichkeiten für letzteres. Nur detailversessene Hingabe und instrumentaler Reichtum. Aufbrausend wie stürmisch, zart  wie nachdenklich. An jeder Stelle genau, gewissenhaft, gefühlssicher.

Der zweite Konzertabend hatte zunächst mit Ludwig van Beethovens Klaviertrio Es-Dur op. 1,1 aus dem Jahr 1795 begonnen. Beethoven leistete ja Pionierarbeit für diese Gattung, indem er nicht mehr das Klavier allein in den Fokus nahm, sondern auch dem Violoncello eine Eigenständigkeit und Gleichberechtigung zusprach. Bei der Pianistin, Norina Hirschi aus der Schweiz, scheint das nicht vollends angekommen, denn sie war in ihrem Spiel manchmal recht fürwitzig. Aber sie ist erst 19 Jahre alt und wird es noch lernen, dass Kammermusik immer Ensemblespiel und –leistung sein muss. Oskar Kaiser (24) an der Violine und Dozent Mark Schumann am Violoncello wussten sich aber zu behaupten.

Beim folgenden Duo für Violine und Viola G-Dur (KV 423) aus dem Jahr 1783 schuf Wolfgang Amadeus Mozart ein Werk, das die beiden Instrumente völlig gleichberechtigt gelten ließ. Die miteinander konzertierenden Stimmen sind kontrapunktisch dicht, der langsame Satz kann nur beseelt genannt werden. Genau das Richtige für die beiden Dozenten Stefan Hempel (Violine) und Simone von Rahden (Viola). Nach dem vorangegangenen Beethoven machte ihr Spiel explizit den Unterschied aus. Voller Anmut und artistischer Brillanz, fröhlich fiedelnd am Schluss. Das Besondere war die Gelassenheit, der entspannte Umgang mit den Tempi, der flexible Dehnungen und Straffungen erlaubte, ohne dass die große Linie abbrach.

Es gab langen Beifall für alle Akteure am Ende. Obgleich er für den einen oder anderen Programmpunkt absolut zu Recht intensiver ausfiel.


Hinrich Alpers im Gespräch mit Oskar Kaiser und Norina Hirschi


Friederike Remmel und Gabriel Yeo musizieren gemeinsam im Schumann Klavierquintett 


Simone von Rahden war kaum angekommen und schon im Konzert dabei


Urszula Abramczuk und Mark Schumann im Schumann Klavierquintett

Barbara Kaiser – 27. Juli 2021

 

Voller Glanz. Sommerakademie: Akademiekonzert Nr. 1 mit musikalischen Perlen

„Wir haben Unglaubliches vor uns“, begrüßte Hinrich Alpers die zahlreichen Konzertbesucher im Oldenstädter Langhaus, „eine weitere Sommerakademie.“ Im Gespräch bekennt er dann, dass in  diesem Jahr – dem zweiten der Pandemie – doch einiges einfacher gewesen sei. Weil, obgleich man es viel zu oft anderswo anders erlebt, Erfahrung eben immer klug macht. Es war das erste von fünf Konzerten. Spielen würden Dozenten und Studenten; eine schöne, gedeihliche und effektive Mischung. Außerdem entfiel so die in jedem Jahr schwere Aufgabe, eine Konzertkritik nur für die Dozenten verfassen zu müssen.

Dass mit Stefan Hempel und Hinrich Alpers zwei Lehrer den Anfang machten, war das Rudiment des früheren Dozentenkonzerts. Die beiden hatten sich Ludwig van Beethovens Violinsonate A-Dur op. 30,1 auf die Pulte gelegt. Die drei Sonaten unter dieser Opus-Nummer entstanden im Jahr 1802, der Komponist nahm sich damals einen „ganz neuen Weg“ in der Instrumentalmusik vor. Es ist der Beginn seines „heroischen Stils“, in den die starken Spannungen flossen, die der 32-Jährige im Privaten und Gesellschaftspolitischen empfand. Beethoven widmete die Sonaten dem jungen russischen Zaren Alexej – ein eindeutiges Statement gegen Napoleon.

Trotz dieses Hintergrunds bleiben die Sonaten, auch die in A-Dur, noch verspielt, lyrisch und heiter. Hempel und Alpers warfen sich genau auf diese Art und Weise die Töne zu. Sie produzierten einen filigranen Feinklang, vor allem im intensiv ausgeformten Adagio, das bei diesen zwei Interpreten mit dem Zusatz „espressivo“ in den allerbesten Händen war. Das halbe Dutzend Variationen des 3. Satzes war auf gedeihliche Weise durchhörbar.

Danach gesellte sich Stephan Picard, der zweite Violindozent, zu Stefan Hempel. Sie spielten den 1. Satz aus der Sonate für zwei Violinen von Eugène Ysaÿe, dem belgischen Komponisten (1858 bis 1931) brillanter Salonstücke. Diese Sonate entstand 1915, sie siedelt zwischen Hochromantik und Expressionismus und vielleicht – den Schrecken des I. Weltkrieges. Die Solisten schufen eine Sphäre sensibel schattierter Stimmungen mit aggressiven Ballungen und tragischen Kantilenen.

Ebenfalls 1915 entstanden Karol Szymanowskis „Mythen“, aus denen Oskar Kaiser, der erste Kursteilnehmer des Abends, mit seiner Violine die Geschichte der Nymphe Arethusa erzählte. Der Interpret übersprang spielend die Rezeptionshürden, die moderne, nicht durch eingängige Melodik ausgewiesene Musik, meist aufbaut. Für diese besondere Tonsprache des Polen und deren exquisite Interpretation erhielt der 24-Jährige aus Rostock begeisterten Applaus.

Auch der Abschluss des Abends blieb romantisch: Klavierquintett Nr. 2 A-Dur op. 81 von Antonin Dvořak. Mit außerordentlicher Spielfreude, energisch zusammengehalten von der souveränen Chinesin Quanglin Wang (21) am Klavier, musizierten Annina Pritschow und Ricardo Müller (beide 22/Violine/Rostock), Caroline Luy (24/Bratsche/Hannover), Mark Schumann und Stephan Picard als Dozenten am Violoncello und der 1. Geige.

Mit überspringender Vitalität im Allegro von Satz 1, mit einem vibrierenden Spannungsbogen voller Seele im langsamen Satz 2 und mit Glanzstellen der Differenzierung insgesamt. Nie geschwätzig, voller Anmut und  Fantasie im Umgang mit dem Klang.

Die Zuhörer hatten tausend gute Gründe für den langen Applaus am Ende. Und außerdem ist das Publikum mehr als dankbar, endlich wieder Konzerte besuchen zu können.


Oskar Kaiser (Violine) und Kensei Yamaguchi spielen Szymanowski


Stephan Picard und Annina Pritschow im Klavierquintett von Antonin Dvorak


Kräftiger Schlußapplaus für Dvorak


Quanlin Wang spielte im Dvorak-Quintett mit

Barbara Kaiser – 24. Juli 2021

 

Startschuss. Internationale Sommerakademie mit mehr als 40 Teilnehmern eröffnet

Es geht los! Nein, nicht die Olympiade oder die 3. Fußballbundesliga. Die auch. Aber für alle Musikliebhaber begibt sich heute genauso der 12. Jahrgang der Internationalen Sommerakademie an den Start. Bürgermeister Jürgen Markwardt zeigte sich wie immer stolz, als er – traditionell – einige wenige der insgesamt 44 Teilnehmer begrüßte. Die Anwesenheit wurde aus Coronagründen gestaffelt, denn  man hat Erfahrungen mit Hygienekonzepten und ähnlichen Vorschriften.

Die Musikstudenten kommen aus aller Welt, reisen aber meist aus den genannten Gründen aus Deutschland an. Auf Gäste aus Vietnam oder Amerika werden wir wohl noch eine Weile warten müssen. Bekannte sind aber dabei. Norina Hirschli aus der Schweiz zum Beispiel oder Rosa Marie Günther, die aus Hannover kommt. Auch der faszinierende Kontrabassist Lukas Rudolph aus Saarbrücken wird dabei sein. Ein Blick auf die Teilnehmer sagt, dass Jona Rakoczy aus Brandenburg mit 13 Jahren der jüngste ist. Und ein Neuling obendrein.

Die Meisterklasse hat sich in dem Dutzend an Jahren, die es sie gibt, ständig weiterentwickelt, gehäutet und neu erfunden. Von der reinen Klavierklasse zum Kammermusikfestival. Das Anliegen aber blieb stets gleich: Zu lernen, zu musizieren, sich begegnen ohne den Druck eines Wettbewerbs. Sich auszutauschen, einander zuzuhören und vielleicht Freunde zu finden.

Dass die Akademie auch für ihr Publikum da sein wird und noch nie im stillen Kämmerlein musizierte, macht sie so einzigartig. Fünf Abendkonzerte und die Lunchtime-Musik am Mittag stehen auf dem Programm im Langhaus Oldenstadt, das mit den Fotos von Hans Lepel aus dem letzten Jahr wieder einen würdigen Rahmen hat. 

„Ich bin unglaublich glücklich, dass wir hier sein können“, gestand Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter des Unternehmens, „und dass wir uns wieder auf zehn Tage voller Musik freuen können.“ Es gäbe viele Wiederholungstäter, sowohl bei den Teilnehmern als auch den Dozenten, sagte er und vergaß nicht, den Sponsoren zu danken, ohne die solch eine Veranstaltung nicht möglich wäre.

Der Bürgermeister nannte Alpers und das ihn unterstützende Team, das dessen Mutter, Birgit Alpers-Meyer, seit Jahren kompetent anführt, „Herz und Hirn der Kompanie“. Auch wenn sich militärische Vergleiche, geht es um so Völkerverbindendes wie die Musik vielleicht verbieten. Wahr ist, dass die Sommerakademie „dem besonderen Ehrgeiz und Engagement besonderer Menschen“ obliege.

So freuen sich die Teilnehmer auf eine Zeit des Lernens und des Miteinanders, und das Publikum auf fünf Konzerte (Sonntag, 25. Juli, Montag, Mittwoch, Freitag, Sonntag, 1. August), die ganz oft welche der Extraklasse waren. Man darf gespannt sein.



Barbara Kaiser 23. Juli 2021